Der Code des Lebens

Der Code des Lebens

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00:00:00: Janika Kiltz Rennpferde züchten, Lebensmittel auf eine Kontaminierung prüfen, Virusvarianten bestimmen. Was haben diese Themen wohl gemeinsam? Ja, das sind alles Anwendungsgebiete von Next Generation Sequencing Methoden, kurz NGS. Im Labor können wir heutzutage mit modernsten Methoden die Genome von Bakterien, Viren, Pflanzen und Tieren genau unter die Lupe nehmen. Das Wissen um Gene und ihre Informationen sind im Gesundheitswesen, aber auch in vielen Industriezweigen sehr wichtig. Nicht nur die Diagnose mancher Krankheiten, auch die Herstellung von Medikamenten ist ohne DNA-Sequenzierung kaum vorstellbar. Vor allem, wenn es sich um seltene Erkrankungen handelt. Wie aber funktioniert Next Generation Sequencing? Was heißt überhaupt „nächste Generation“ und wie hat sich diese Technologie entwickelt? Ja, darüber möchte ich heute im Podcast mit meinem Gast Joachim Schultze sprechen. Darüber hinaus wollen wir betrachten, inwiefern Sequenzierungsmethoden beim Coronavirus zum Einsatz kamen und wie NGS in Zukunft beim Pandemie-Management helfen kann. „Der Code des Lebens“ wird präsentiert von GHGA, dem Deutschen Humanengenom-Phänomarchiv. Viel Spaß bei der heutigen Folge „Next Generation Sequencing: blitzschnell, effizient und erschwinglich“. Willkommen zum „Code des Lebens“! Jeden Monat erklären Experten und Expertinnen hier im Podcast spannende Themen innerhalb der Genomforschung. Heute zu Gast ist Professor Dr. Joachim Schultze vom NGS-CN Kompetenznetzwerk. Ja, heute würde ich mich mit Ihnen gerne ein bisschen über Next Generation Sequencing unterhalten. Ich denke, der ein oder andere hat sicher schon mal etwas davon gehört, aber nur die wenigsten können konkret etwas mit diesem Begriff anfangen. Ja, bevor wir aber erklären, was genau das nun ist und wie es natürlich auch eingesetzt wird, fände ich es sehr schön, wenn Sie sich und Ihre Forschung kurz für unsere Zuhörer und Zuhörerinnen vorstellen könnten.

00:02:02: Prof. Dr. Joachim Schultze Ja, mein Name ist Joachim Schultze. Ich bin Direktor für Systemmedizin am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, das ist ein Helmholz-Zentrum. Ich bin hier in Bonn, unser Institut gibt es aber an zehn Standorten in Deutschland und der Hauptstandort ist in Bonn und hier ist auch meine Abteilung und meine Mitarbeiter. Und hier haben wir tatsächlich auch eben genau diese Maschinen, die dieses Next Generation Sequencing machen können. Ich bin von Haus aus Mediziner, habe also Medizin studiert, habe sehr viel Immunologie gemacht und habe frühzeitig als diese Technologien in der Genomforschung anfingen, schon gedacht, dass es vielleicht gut wäre, wenn man die auf die Immunologie anwendet und habe dann die Felder Immunologie, Genomforschung, Computerwissenschaften, Bioinformatik versucht zusammenzubringen. Und das ist das, was ich auch heute noch mache, um Krankheiten besser zu verstehen.

00:02:58: Janika Kiltz Ja, das klingt gleich schon mal ziemlich interessant. So zum Thema Immunologie habe ich nachher auch noch die ein oder andere Frage. Ja, dann würde ich sagen, zum Einstieg sollten wir uns etwas damit beschäftigen, was NGS eigentlich ist. Das heißt, um das verstehen zu können, denke ich, muss man sich vielleicht erst mal so ein bisschen die Anfänge der DANN-Sequenzierung anschauen oder nachvollziehen, wie sich das überhaupt alles entwickelt hat. Also quasi die erste Generation kennen, bevor man sich dann mit der nächsten beschäftigen kann. Herr Schultze, könnten Sie uns einen Überblick darüber geben, wie die DNA-Sequenzierung ihren Anfang nahm und wie die Methoden sich über die Zeit dann verbessert haben?

00:03:40: Prof. Dr. Joachim Schultze NGS steht für Next Generation Sequencing, wie Sie richtig gesagt haben, man muss etwas vorgegeben haben. Und das ist tatsächlich so. Also was wir grundsätzlich mit diesen Techniken machen wollen, ist, dass wir die Erbinformationen entschlüsseln wollen und quasi lesen können. Also man muss als Allererstes mal feststellen, dass es eine Erbinformation gibt und in welchem Molekül die drin ist. Das ist nämlich die DNA. Und dann haben sich Leute eben damit beschäftigt. Es war klar, dass diese DNA ein riesengroßes Molekül sind. Die macht die Chromosomen aus in jeder Zelle. Und dann hat man festgestellt, dass die aus bestimmten Bausteinen besteht und dass die aneinandergereiht eben den Code des Lebens darstellen. Und wenn das so ist, dann muss man Buch ja lesen können. Und das heißt, Sequenzieren macht eigentlich nichts anderes, als diesen Code zu lesen, sodass er für uns sichtbar wird und dass wir dann daraus Sinn erzeugen. Ja, das heißt, das ist ein riesengroßes Forschungsfeld schon in den 60ern und in den 70ern gewesen. Gabs ein Nobelpreis für die Sequenzierung von Sanger, also einen Wissenschaftler. Da gibt es ein Institut, das nach ihm benannt ist, das Sanger Institute. Und der hat mit seiner Arbeitsgruppe eben ein biochemisches Verfahren entwickelt, mit dem man diese Anreihung dieser Nukleinsäuren oder auch Nukleotide eben messen konnte. Und das war eine sehr aufwendige Methode, die ist sehr langsam, die bedarf auch eines gewissen Könnens. Aber das war natürlich spektakulär damals, dass man jetzt plötzlich Möglichkeiten hatte, kleine Teile der Erbinformation auszulesen. Und daraus hat sich dann eine Idee in den 80er Jahren entwickelt, wenn man das machen kann… Also man hatte dann in den 80er Jahren versucht, kleine Bakteriengenome zu sequenzieren. Die waren klein genug, dass man sich zutraute, alle Buchstaben sozusagen dieser Erbinformation zu lesen. Und dann hat man gesagt, dann müssten wir es doch mit dem menschlichen Genom auch hinkriegen. Und das ist in den 80er Jahren passiert. Und das hat dann über 13 Jahre gedauert. Weltweit sind da Institute dran beteiligt gewesen. Hunderte, wahrscheinlich tausende von Wissenschaftlern mit sehr viel Geld, was man brauchte, dass dann tatsächlich das, ja, man sagte dann das erste menschliche Genom sequenziert worden ist. Das hat man dann 2001 ungefähr verkündet. Das war noch gar nicht fertig. Also damals hat man gesagt, es ist fertig, aber die Wissenschaftler wussten, da fehlt immer noch was. Manche Teile dieses Buches, dieser Erbinformation, war so schwierig zu analysieren, dass man es lange mit den herkömmlichen Methoden gar nicht hinbekommen hat. Ja, und als nächstes muss man dann auch dazu sagen, also dieses humane Genomprojekt in den 90er Jahren vor allem, das ist tatsächlich am Anfang mit dieser sogenannten Sanger-Sequenzierung durchgeführt worden. Damit man da mehr machen kann, hat man quasi fast Fabrikhallen mit Maschinen bestückt. Die waren da in so Reihen eingeteilt, die halt parallel sozusagen Teile des menschlichen Genoms sequenziert haben. Und dann kam aber auch schon ein pfiffiger Kollege, der Craig Venter, der gesagt, das muss doch einfacher gehen. Man muss doch einfach kleine Schnipsel machen können aus dem Ganzen und dann die schneller sequenzieren. Nannte er dann Shotgun-Sequenzierung, ich will jetzt gar nicht die technischen Details eingehen, aber der hat diesem anderen humanen Genomprojekt ein bisschen Konkurrenz gemacht, weil das andere war im Wesentlichen gefördert durch Universitäten, also öffentliche Förderung in der ganzen Welt, in den USA vor allem, in Japan, aber auch in Europa. Und der hat es dann eben tatsächlich dazu gebracht, dass dann eine gewisse Kompetition entstanden ist und das Ganze dann nochmal beschleunigt. Aber man muss sich wirklich vorstellen, wir haben da also ein ganzes Jahrzehnt gebraucht, um ein Genom zu sequenzieren. Und das ist eine ganz andere Größenordnung, wenn man jetzt weiß, was Next Generation Sequencing kann.

00:07:53: Janika Kiltz Genau und dementsprechend würde mich das auch wirklich sehr interessieren, ist natürlich die Frage, wie einfach man das erklären kann. Aber wie funktioniert NGS denn dann eigentlich und wie schneidet es auch im Vergleich mit den früheren Methoden ab? Also wie viel schneller, wie viel genauer und wie viel günstiger vielleicht auch ist diese Technologie?

00:08:14: Prof. Dr. Joachim Schultze Ja, also da ist sehr viel in den 2000er Jahren passiert. Also vor allem am Anfang, also man hatte das humane Genomprojekt, man hatte dann auch andere Spezies angefangen zu sequenzieren. Und es war eigentlich klar, dass man da noch Methoden braucht, mit denen man das schneller machen kann. Und die Idee war eigentlich frühzeitig geboren, dass man es letztendlich parallelisieren muss, dass man einfach gleichzeitig ganz viele Teile dieser DNA sequenzieren kann. Und da sind viele Leute darauf gekommen, dass man da Glasoberflächen zum Beispiel benutzen kann. Und an diese Glasoberflächen kann man tatsächlich auch künstliche Nukleinsäuren dran heften. Und die kann man sich vorstellen, wie so Adaptoren. Also es ist einfach so ein Bindestück, wo jetzt wieder Nukleinsäuren aus der Natur dran binden könnten. Das ist ganz wichtig. Und genauso hat man es gemacht. Das heißt, da sind hunderte von tausenden von diesen Verknüpfungsmolekülen auf der Glasoberfläche. Und als erstes kann man tatsächlich dann die DNA zum Beispiel eines Menschen oder eines Tieres, kann man die DNA aus den Zellen isolieren. Da hat es Verfahren. Das ist bekannt. Und dann macht man tatsächlich auch wieder lauter kleine Schnipsel draus und diese kleinen Schnipselchen, die können sich jetzt an diese Adaptoren anbinden. Und das ist der erste Schritt sozusagen. Und jetzt habe ich ganz viele von denen, Millionen von denen parallel nebeneinander. Und dann sind pfiffige Chemiker draufgekommen, dass man jetzt sozusagen diese kleinen Schnipsel alle parallel nebeneinander ablesen kann, durch einen chemischen Prozess kann man das machen. Und die waren auch so pfiffig, das mit Fluoreszenz zu verbinden. Das heißt, immer wenn sie gewusst haben, da ist ein bestimmter Buchstabe – wir haben ja vier, das AG, C und T. Dann haben sie das mit einer bestimmten Fluoreszenz Farbstoff verknüpft. Das heißt, wenn an einer Stelle ein G war, dann war es vielleicht grün. Und wenn da ein T war, war es rot. Ja. Und jetzt habe ich das aber parallel machen können, so dass man millionenfach quasi diese Punkte gesehen hat. Und dann hat man große Bilder mit lauter Farbpunkten. Und dann hat man Maschinen gebaut, wo man quasi genau wusste, an welcher Stelle jetzt welcher Punkt ist. Und dann konnte man nacheinander Bilder machen jedes Mal, wenn man eine Schicht durchgelesen hat, hat man ein Bild gemacht. Und dann hat man diese Fluoreszenz wieder weggewaschen und dann hat man den nächsten Buchstaben in dieser Reihe angeguckt. Und so hatte man dann 20, 30 Bilder übereinander. Und genau an der Koordinate in diesem Bild konnte man dann diese Farbpunkte aneinanderreihen und konnte daraus sozusagen den Code ablesen. Ja. Und jetzt hat man aber die Möglichkeit, mit einer Maschine plötzlich millionenfach DANN-Information auszulesen. Deswegen heißt es dann auch Next Generation Sequencing, weil das ist nicht vergleichbar mit der alten Methode, die halt alles sequenziell nacheinander gemacht hat. Hier hat man parallelisiert, miniaturisiert, also alles auf ganz kleinem Raum. Und das Schöne an der Sache ist, dass eben auch die die Auswertung, also allein die Bildverarbeitung sehr schnell von Computerwissenschaftlern eben mit neuesten Algorithmen eben dann bearbeitet worden sind, sodass man dann auch sehr standardisierte Daten bekommt, wo man dann genau sagen kann, ja, ich habe jetzt ein Genom sequenziert und jetzt habe ich das zwar alles in kleinen Schnipseln, aber ich kann das sogar wieder mit dem Computer zusammenbauen und habe dann die gesamte Information eines Genoms zum Beispiel. Jetzt haben Sie mich gefragt, wie viel schneller das geht. Also das erste Genom war 13 Jahre. Und dann gab es natürlich so Zwischenstufen, dann war es dann schon schneller, aber die ersten Next Generation Sequencing Geräte, die konnten das plötzlich in zwei Wochen. Aber das war natürlich ein irrer Erfolg. Die Zeit ist aber auch weitergegangen. Das war 2007, als das das erste Mal quasi veröffentlicht wurde, dass das plötzlich so rasend schnell geht und da haben wir alle gedacht, zwei Wochen, das ist ja wahnsinnig, wenn man sich das überlegt. Heute ist es so, dass die Maschinen, die größten Maschinen, die machen nicht ein Genom in zwei Wochen, sondern die machen 60 Genome in… über Nacht. So und das heißt, das ist nochmal ein völlig neuer Sprung. Und jetzt kann man sich vorstellen, na ja, ist das dann alles gleich teuer gewesen? Es ist auch so, das erste Genom hat mehrere Milliarden gekostet. Ja, und heute kann ich tatsächlich, wenn ich das sehr effizient mache, kann ich ein menschliches Genom im Labor, jetzt vielleicht nicht unter klinischen Bedingungen, aber im Labor für ca. 300 Euro kann ich das machen. Also da ist ein riesen Sprung drin gewesen von Milliarden für eine Sache, jetzt nur noch 300 und das bedeutet automatisch, dass wir natürlich auch sehr viel mehr machen können. Das kann man schon als… wirklich als „Next Generation“ bezeichnen, weil das hat völlig neue Dimensionen von wissenschaftlicher Arbeit erlaubt.

00:13:15: Janika Kiltz Ja, wirklich verrückt, was sich da alles bereits getan hat. NGS wird ja heutzutage auch sehr vielseitig eingesetzt, aber vielleicht nenne ich zuerst mal ein Beispiel aus der Medizin. Ja, im medizinischen Bereich kann man durch die Sequenzierung Krankheiten diagnostizieren, definieren und auch ihre Ursachen begreifbar machen. Zum Beispiel herausfinden, welche Mutation im Genom eines Patienten ist denn eigentlich verantwortlich für sein Krankheitsbild? Oder welche Funktionen haben denn bestimmte Gene? Das lässt sich durch Sequenzierung erforschen und dementsprechend auch herausfinden, ja und auch bei der Entwicklung neuer Medikamente ist ein Blick in das Genom mittlerweile äußerst wichtig geworden. In der Pharmaforschung beschäftigen Forschen es sich nämlich damit, wie man neue Zielstrukturen für neue Therapien finden kann. Ach ja und durch eine Sequenzierung des Genoms lassen sich außerdem diejenigen Patienten herausfiltern, die von einem bestimmten Medikament besonders profitieren würden. Und gleichermaßen kann man natürlich auch schauen, bei wem genetisch bedingt ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen besteht. Ja, ist Next Generation Sequencing also auch schon viel in der Klinik, also direkt am Patienten angekommen oder liegt der primäre Einsatzort dieser Technologie doch noch mehr im Bereich der Forschung?

00:14:33: Prof. Dr. Joachim Schultze Also man muss das ein bisschen differenzierter sehen, das ist so, dass viele klinische Fragestellungen heute schon mit Sequenzierung angegangen werden, aber mehr aus Forschungsgründen, dass ich eben sagen kann… kann ich zum Beispiel eine Krankheit noch besser unterteilen in Subgruppen, um dann Therapie genauer anwenden zu können. Das würde ich noch nicht als klinische Anwendung machen, aber es ist klinisch orientiert. Das heißt, ich kann jetzt eben nicht nur hinwirken im Modellsystem, sondern wirklich am Menschen direkt solche Fragestellungen machen. Das sind dann experimentelle Studien mit Sequenzierung. Aber in einigen Bereichen ist es tatsächlich so, dass man jetzt schon sagen kann, dass es dem Patienten hier helfen wird. Und das sind insbesondere die seltenen Erkrankungen, wo wir eben wissen, dass einzelne Gen-Defekte im Genom eine Krankheit verursachen können, häufig nur ein einziges Gen. Und das kann ich häufig nur rauskriegen, indem ich alle Gene angucke und sage, okay, hier ist das eine mit dem Defekt, also kommt es da her und das geht halt dann nur mit Genomsequenzierung. Da ist man in Deutschland bemüht, das hier im Augenblick dann durchzuführen. Wir sind auf einem guten Weg, dass das sogar im nächsten Jahr dann schon anfängt. Andere Länder sind schon ein Stückchen weiter. Da ist es schon sozusagen in den Modellversuchen, dass die jetzt sagen, ja, bei seltenen Erkrankungen, wenn alle anderen Methoden ausgeschöpft sind, dann schauen wir das gesamte Genom an und schauen, ob wir den Defekt eben über diese Methode dann finden. Der andere große Bereich sind alle Krebsarten, wo wir wissen, dass eben genetische Veränderungen letztendlich mit auslösend sind für solche Tumoren. Und immer dort, wo ich quasi auch keine anderen einfachen Methoden mehr habe, um solche genetischen Veränderungen zu messen, ist dann tatsächlich auch die Genomsequenzierung angesagt. Und auch das kommt in Deutschland tatsächlich in ein Modellvorhaben im nächsten Jahr. Und wenn das gut läuft, und davon gehe ich eigentlich aus, dann wird das zur Regelversorgung. Und dann haben wir schon zwei große, große Krankheitsgruppen. „Selten“ heißt, die einzelne Krankheit ist selten. Aber wenn man alle seltenen Erkrankungen zusammennimmt, dann sind das 6, 7, 8 Prozent. Das ist schon eine große Menge an Erkrankungen und Tumoren ja sowieso, das wissen wir ja alle. Aber da hört es nicht auf. Also das sind die Speerspitzen. Das heißt im Augenblick ist das Verhältnis noch vielleicht verschoben zu mehr Wissenschaft. Und dann haben wir auch die Wissenschaft, die gar nichts mit Menschen zu tun hat, also auch die braucht ja Sequenzierung. Aber dadurch, dass wir jetzt anfangen, sie in bestimmten Krankheiten in die Klinik zu bekommen, wird sich das ganz schnell umdrehen. Weil dann hat man eben viel mehr Anwendung von Sequenzierung auch in der Klinik.

00:17:10: Janika Kiltz OK, das heißt, wir sind gespannt, was sich hier noch tun wird. Also besonders im Gebiet der seltenen und natürlich auch der Krebserkrankungen. Ja, aber Next Generation Sequencing ist natürlich auch in vielen weiteren Bereichen sehr relevant. Wenn wir uns jetzt ein kleines bisschen von der Humanmedizin wegbewegen, was sind denn weitere spannende Anwendungsbereiche von NGS?

00:17:34: Prof. Dr. Joachim Schultze Ja, also das ist eine sehr spannende Frage. Es ist wirklich eine Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts. Also es ist wahrscheinlich die Schlüsseltechnologie in den Lebenswissenschaften und in der Medizin. Weil ich natürlich, wenn ich die Erbinformation oder auch das, was von den Erbinformationen abgeschrieben wird, wenn ich das lesen kann, dann kann ich natürlich ganz, ganz viele Fragen beantworten, aber auch Lösungen bieten. Wir gehen mal ganz… völlig aus dem Menschlichen heraus: Wenn Sie in die Züchtung gehen und ob es jetzt Pferde sind oder Hunde oder… Pferde sind besonders interessant oder auch in den arabischen Ländern Kamele, das mag man vielleicht gar nicht glauben. Aber da kann ich jetzt dadurch, dass ich weiß, welche Erbinformation da ist, kann ich zum Beispiel bei diesen Tieren auch schauen, was bestimmte Eigenschaften mit der Erbinformation verknüpft. Und dann kann man tatsächlich dann, wenn man bestimmte Pferde dann eben zusammenbringt, versuchen, darüber die Eigenschaften, zum Beispiel besonders schnelle Rennpferde zu haben oder besonders ausdauernde Kamele sozusagen zu züchten. Das kann man mit dieser Erbinformation deutlich verbessern. Das ist ein Gebiet, das wirklich mit Menschen gar nichts zu tun hat erst mal. Oder nehmen Sie auch Züchtungen in der Pflanzenwelt, dass Sie sagen, wie kann ich denn jetzt zum Beispiel rauskriegen, wie bestimmte Getreidesorten resistenter sind gegenüber dem Klimawandel. Und welche Gene braucht denn dieses Getreides, damit es stabiler wird, für zum Beispiel mehr Hitze oder Starkregen? Und das kann ich halt im Genom ablesen, wenn ich sage „Oh, diese Pflanze wächst da besser oder die hält überhaupt diese Hitze aus. Was ist da anders in der Erbinformation?“ Und das kann ich auslesen. Und dann kann ich eben die Züchtung auch in diese Richtung lenken, ganz klassische Züchtungen, die ich aber durch diese Informationen jetzt einfach beschleunigen und verbessern kann. Da brauche ich gar keine Manipulation machen, ich kann ganz normale Züchtungen machen, aber ich mach sie informiert jetzt und nicht ausprobieren. Und das sind so Bereiche… oder nehmen Sie Biodiversität. Wir können auch da genau sagen, okay, die Erbinformation. Und da sind plötzlich Spezies, die hatten wir noch gar nicht gesehen. Von Bakterien bis hin zu kleinen Tieren und so weiter, wo man eben genau sagen kann, mit dieser Sequenzierung können wir da Biotope jetzt viel besser erfassen und können sie über die Zeit eben auch beobachten. Wird es besser, wird es schlechter? Das sind Dinge, die vorher viel, viel schwieriger waren und mit der Sequenzierung eben jetzt machbar sind.

00:20:13: Janika Kiltz Das ist echt spannend, auch das mit den Rennpferden. Da hat man sicher vielleicht noch keine so großen Gedanken drum gemacht, aber das ist natürlich auch eine große Industrie mit vielen Akteuren. Und ja, das Thema Pflanzenzüchtung ist natürlich auch vor dem Hintergrund der Klimakrise besonders interessant. NGS spielte ja aber auch bei der Corona-Pandemie eine große Rolle. Wie hat denn NGS die Corona-Pandemie beeinflusst? Und wie wurde bzw. wie wird NGS in diesem Kontext eingesetzt?

00:20:42: Prof. Dr. Joachim Schultze Das ist eine ganz spannende Frage und da sieht man auch, wie diese Technologie dann Dinge möglich macht, die in allen vorherigen Pandemien überhaupt nicht denkbar waren. Und ich fange damit einer Sache an, da ist es wahrscheinlich allen am einfachsten verständlich, ist der Virus, das SARS-CoV-2-Virus selbst. Das ist ja eine Erbinformation, der Virus hat seine eigene Erbinformation und die kann man sequenzieren. Und wir haben ja alle leider feststellen müssen, dass dieses Virus sich ja dauernd verändert hat. Die Frage ist, wie kann ich denn rauskriegen, wie sich das verändert? Und das macht man eben genau durch Sequenzierung. Und es war ja deswegen so bedeutsam, weil man ja auch wissen wollte, wenn das Virus sich jetzt verändert, sind dann unsere Impfstoffe zum Beispiel noch wirksam. Da muss ich also ganz genau wissen, was hat sich jetzt verändert und hat sich möglicherweise was verändert, was einen Einfluss hat auf die Wirksamkeit der Impfung. Und das kann man durch Sequenzieren machen. Und da kommt eben genau der Punkt wieder durch dieses hochparallele Sequenzieren, dass wir dann eben nicht nur eine Probe und ein Virus von einem Menschen sozusagen messen können, sondern wir können mit dieser Technologie, wenn man sie intelligent anwendet, tausende gleichzeitig messen. Und wir haben weltweit sehen können, wie sich bestimmte Virus-Subtypen letztendlich über die Welt verbreitet haben oder wenn an einer Stelle in der Welt was Neues entstanden ist, wie gefährlich das sein könnte und wie gefährlich könnte das eben dann auch für die gesamte Welt wieder werden. Und diesen Überblick zu haben, das hat uns an einigen Stellen, das haben wir vielleicht als Bürger und als Betroffene gar nicht so sehr gemerkt, aber für die Experten hat es eben dazu geführt, dass man sich an einigen Stellen während der Pandemie doch wesentlich besser vorbereiten konnte und eben auch Maßnahmen dann gezielter einsetzen konnte. Also das ist ein ganz wesentlicher Aspekt. Und das Schöne an der Sache ist, dass das sich jetzt weltweit dort eben auch Netzwerke entwickelt haben, die das auch in Zukunft machen und die das dann noch besser können, als es jetzt bei dieser Pandemie war. Aber das ist nicht das Einzige. Das Spannende an der Sache ist auch die Immunantwort, die wir gegen dieses Virus gemacht haben und die ja bei vielen Menschen sehr unterschiedlich ausgefallen ist. Manche haben gar keine Symptome gehabt, da hat das Immunsystem wunderbar funktioniert. Manche hatten ein bisschen was, da war das Immunsystem auch noch gut. Und dann gab es die Leute, die leider Pech hatten und schwere Erkrankungen haben. Und da haben wir und viele andere in der Welt zeigen können, und zwar mit Sequenziertechniken und zwar ganz speziellen, können wir auch noch… sicher auch noch paar Worte darüber verlieren. Aber letztendlich hat Sequenziertechnologie dazu geführt, dass wir die Immunantwort umfassend viel schneller beschreiben und verstehen konnten und dann auch verstanden haben, warum die Verläufe so schwierig sind. Und das Ziel für die Zukunft ist, dass wir die Technologien dann sogar einsetzen, um Therapien gezielt Leuten dann zuzuführen. Und da muss ich sagen, im Rückblick auf die Pandemie, wenn man jetzt alle anderen Untersuchungen, Experimente, Tests anguckt und jetzt mit Genomsequenzierung, beziehungsweise auch funktioneller Genomik, das ist so, ich gucke, was wird vom Genom abgeschrieben, wenn ich das vergleiche, dann hat das Verständnis dieser Erkrankungen… basiert eigentlich fast ausschließlich auf Sequenzierinformationen. Das muss man einfach wissen, die anderen Dinge waren sicherlich interessant. Und sie waren dann im zweiten Durchgang, wenn man bestimmte Dinge wusste, auch hilfreich, das nochmal besser zu beschreiben, wir nennen das häufig auch „validieren“. Aber wirklich zu verstehen, was da so abläuft, das war eigentlich nur mit modernsten Sequenziermethoden möglich.

00:24:31: Janika Kiltz Ja, ich denke, wir haben auch sicher viel aus dieser Pandemie gelernt. Wie kann denn jetzt NGS langfristig zum Pandemiemanagement beitragen? Also welche Maßnahmen kann man da ergreifen?

00:24:43: Prof. Dr. Joachim Schultze Also wie gesagt, die wesentliche Geschichte ist sicherlich, dass wir Monitoring machen für Viren, die in der Welt unterwegs sind. Und das passiert auch. Es gibt jetzt internationale Netzwerke, wo einzelne Länder eben Institutionen dafür auserkoren haben, die jetzt letztendlich da auch teilnehmen, sodass wir so ein Gefühl kriegen, was für Viren sind im Augenblick eigentlich unterwegs und sehen wir da möglicherweise Zeichen, dass da wieder so eine Sache wie eine Pandemie sich entwickelt. Das ist die eine Ebene. Die andere ist… Was sich auch bildet sind Netzwerke, die sagen, wir müssen eigentlich die Proben für den Patienten um rauszukriegen, wie die Krankheit dann verläuft, das müssen wir auch optimieren, dass wir dann sagen, wir kommen ganz schnell an Proben, Nasenabstriche, wie es jetzt notwendig war, oder Blutproben. Dass wir die eben auch überall in der Welt möglichst gleich untersuchen können. Und da haben sich auch Netzwerke von Wissenschaftlern zusammengetan, häufig auch unterstützt von den einzelnen Ländern, die verstanden haben: Das ist sinnvoll, dass wir das jetzt einüben. Dass wir dann, wenn es wieder passiert, eigentlich nur noch sagen müssen, ja, jetzt fangen wir an, das im großen Stil zu machen. Aber wir wissen jetzt ganz genau, wie. Und der dritte Punkt ist tatsächlich auch, wir haben gesehen, auch bei dieser Pandemie, manche Menschen haben tatsächlich Pech, wenn sie in ihrem… in ihrer Erbinformation einfach an bestimmten Stellen Veränderungen haben, die es dann dem Immunsystem noch schwerer machen, diese Infektion zu bekämpfen. Auch auf der Ebene hat es internationale Netzwerke jetzt, die dann eben die Genetik mit Sequenzierung machen. Und das sind die drei Ebenen, die jetzt nicht überall auf der Welt gleich und auch nicht im Gleichstritt alle zusammen, aber doch in großen Verbünden über die wichtigsten Länder hinweg entwickelt werden. Und da wird Sequenzierung einen ganz, ganz wesentlichen Punkt spielen.

00:26:39: Janika Kiltz Ja, Sie haben ja gerade über Monitoring gesprochen. Also wie genau funktioniert das? Also ich hatte zum Beispiel davon gehört, dass man sich das Abwasser etwas genauer anschaut. Könnten Sie das vielleicht etwas näher erklären? Also, wie weiß man denn überhaupt, dass Viren in der Welt unterwegs sind?

00:26:57: Prof. Dr. Joachim Schultze Genau. Also gibt es verschiedene Möglichkeiten. Also während der Pandemie haben wir ja auch mitgekriegt, dass wir zum Teil ja auch PCR-Untersuchungen oder auch Antigentests an bestimmten Stellen machen mussten oder auch das selber dann zu Hause machen konnten. Also während der Pandemie kann man sich das so vorstellen, dass wir quasi anstatt PCR nachher Sequenzierung machen, das heißt man hätte so Testzentren, aber das kann man natürlich jetzt nicht in der Zeit machen, wo wir keine Pandemie haben, das wäre zu aufwändig. Und warum sollten wir freiwillig jetzt immer wieder so was machen wollen? Und jetzt ist es aber ganz spannend, das haben wir während der Pandemie gelernt, das haben pfiffige Kollegen sich überlegt, wird denn dieser Virus auch ausgeschieden. Ja, und das wird, ja, auch allein, wenn wir schnäuzen zum Beispiel und dann das Taschentuch irgendwo landet. Im Abfall, das könnte man machen, aber was wir auch festgestellt haben, ist, dass es ins Abwasser geht. Also Corona-Viren gehen ins Abwasser, weil wir eben Körperflüssigkeit sozusagen irgendwo ins Abwasser bringen, ja, auf die üblichen Weisen, die wir alle kennen. Und dann haben pfiffige Leute gesagt, ja wenn es so ist und der ist einigermaßen stabil, dann müsste ich doch eigentlich im Abwasser wieder lesen können, ob da Corona, also ob Patienten letztendlich in dem Gebiet, wo das Abwasser dann ankommt, wohnen oder sich aufhalten. Und das klappt tatsächlich und zwar in einer hervorragenden Art und Weise. Das heißt, wenn in einem Bereich kurz vor der Kläranlage quasi gemessen wird und man weiß, wie viele Menschen im Einzugsbezirk sind, dann kann ich an der Menge an Virus, die dort ankommt, sagen, wie viele Menschen wahrscheinlich in diesem Bereich im Augenblick infiziert sind. Und das ist so ein Gradmesser, das wird zwar im Augenblick ausgerollt. In Holland haben sie das schon während der Pandemie gemacht, da waren alle Kläranlagen sozusagen mitbeteiligt. Man konnte genau wissen, wo ist jetzt gerade mehr los, als an anderen Stellen. Und in Deutschland wird es aber im Augenblick auch aufgebaut und es gibt einige andere europäische Länder, die das auch machen. Und das wird sicherlich Schule machen, sodass wir das auch in anderen Ländern in der Welt sehen. Das ist ein verhältnismäßig einfacher Gradmesser und dass man jetzt auch weiß, was sich verändert, kann man das wieder koppeln mit Sequenzieren. Dass ich nicht nur sage, ich mache eine PCR, die mir ja nur sagen würde, ja, ist jetzt SARS-CoV-2 da, ja oder nein. Aber die könnte jetzt, hier könnten wir sogar hier gehen und sagen, oh, da kommt ja plötzlich ein Grippe-Virus, der jetzt besonders ist oder ein anderer. Voraussetzung ist immer, dass diese Viren stabil sind, das ist klar, aber für die, die stabil sind, können wir da sozusagen ein Monitoring machen. Und das ist verhältnismäßig einfach, ohne dass man irgendwelche Leute freiwillig da dauernd fixen muss oder sich irgendwie fragen muss, dass sie einen Nasen-Abstrich abliefern oder so. Braucht man gar nicht.

00:29:39: Janika Kiltz Nur eine kurze Frage zum Verständnis: Also, wenn ein Virus nicht stabil ist, dann heißt das, er überlebt den Weg bis ins Abwasser nicht?

00:29:49: Prof. Dr. Joachim Schultze Genau, das können wir uns so vorstellen, dass wir natürlich für bestimmte Umgebungen angepasst sind, also leider SARS-CoV-2 auf uns, da fühlt er sich sehr wohl in der Nase. Da hat er alles, was er braucht, um sich zu vermehren, die Zellen und so weiter. Und dann gibt es aber Viren, wenn man die dann in die Umwelt gibt, wenn es kalt wird oder wenn bestimmte andere Substanzen in der Umwelt sind, dann gehen die sehr schnell kaputt. Und dann ist auch die Erbinformation kaputt und dann kann man die nicht mehr nachweisen. SARS-CoV-2 hat da eine Stabilität, dass das Monitoring funktioniert.

00:30:26: Janika Kiltz Ah, okay. Ja, jetzt hatten Sie ja gesagt, dass Sie auch Immunologe sind. Wie setzen Sie denn konkret in Ihrem Fachgebiet NGS ein?

00:30:37: Prof. Dr. Joachim Schultze Ja, also man kann sich ja vorstellen, das Immunsystem ist ein System, aber es besteht aus Zellen, aus ganz verschiedenen Zellen. Und das ist in der Immunologie schon seit vielen Jahrzehnten, dass wir eigentlich immer die einzelne Zelle angucken wollen. Dass wir sagen… weil die so unterschiedlich sind. Wir haben Zellen, die können zytotoxisch sein, dann haben Zellen, die können interagieren, und dann haben wir Zellen, die Botenstoffe aussenden. Also das Immunsystem ist einfach ein fantastisches Organ, das ganz viele Spieler hat. Und das sind halt diese Zellen, die ganz verschiedene, unterschiedliche Funktionen haben. Und deswegen ist die Immunologie schon immer da auf dem Weg gewesen. Wir müssen alles, was wir messen, auf Einzelzellebenen messen. Also jede Einzelzelle auf Funktionen oder jede Einzelzelle auf Ihre Information. Und das ist tatsächlich seit einem Jahrzehnt jetzt so, da waren die Anfänge ungefähr, dass wir auch diese Sequenziertechniken für jede einzelne Zelle einzeln machen können. Das ist natürlich super spannend jetzt. Jetzt kann ich also nicht nur einen Wert oder zwei Werte pro Zelle messen, sondern plötzlich hunderte oder tausende Werte. Ich kann zum Beispiel in einer Zelle alle Gene, die angeschaltet sind, messen. Und das kann ich für jede Zelle einzeln machen. Also ich kann hunderte von tausenden von Zellen, kann ich sagen, die Zelle ist so angeschaltet und die kann gerade das. Und die hat diese Eigenschaften. Und das ist natürlich fantastisch, wenn ich jetzt wissen will, was macht dieses Immunsystem eigentlich gerade? Was machen denn die Spieler da ja alle? Und das wenden wir an. Das heißt, es nennt sich Einzelzell-Genomik. Das heißt, wir verbinden die Sequenzierung mit Verfahren, dass wir quasi das abgeschriebene Genom, also die Gene, die angeschaltet sind, für jede Zelle einzeln betrachten können. Und dann kriegen wir plötzlich ein ganz anderes Bild, wie so eine Infektion zum Beispiel abläuft oder wie so ein Immunsystem ein Tumor abwehrt oder auch nicht. Oder wie so ein Immunsystem in einer Autoimmunerkrankung ist. Und da sind in den letzten Jahren durch diese Einzelzell-Genomik auf Erkenntnisse erreicht worden, die wir uns, glaube ich, Anfang 2000 gar nicht erträumen konnten. Also diese Kombination aus Next Generation Sequencing, ganz viel sequenzieren können. Und jetzt auch noch auf Einzelebene. Und dann die Computer Tools zu haben, das auch noch auswerten zu können. Das ist schon ein Wahnsinnsfortschritt. Also dass wir jetzt Krankheiten völlig neu beschreiben können und dann auch viel schneller therapeutische Zielestrukturen erkennen können. Da tut sich unheimlich viel im Augenblick.

00:33:01: Janika Kiltz Ja, dann bin ich mal gespannt. Also ist natürlich sehr interessant, sich vorzustellen, wie sich unser Verständnis von Krankheiten wandeln könnte und natürlich auch welche Behandlungsmöglichkeiten in der Zukunft dann vielleicht zur Verfügung stehen. Das klingt aber natürlich auch so, als ob dabei ziemlich viele Daten entstehen. Also wenn man sich jetzt wirklich jede einzelne Zelle ganz genau anschaut, ja, das Stichwort würde ich jetzt auch kurz nutzen als kleinen Übergang zur nächsten Frage. Und zwar, welche Herausforderungen gehen denn mit NGS einher?

00:33:34: Prof. Dr. Joachim Schultze Ja, also wie bei jeder neuen Technik oder jeder neuen Errungenschaft gibt es auch immer wieder Herausforderungen. Und dann auch viele, die man am Anfang gar nicht erwartet hat. Das erste war tatsächlich, dass das Sequenzieren zu teuer war. Und da hat das NGS halt sehr viel gebracht, weil es den Preis schon mal sehr stark reduziert hat. Dann haben wir technische Dinge gehabt, Vergleichbarkeiten. Es gab verschiedene Arten von NGS und die waren nicht so richtig vergleichbar, aber das haben wir alles gelöst. Also da, das muss man sagen, das ist jetzt eine Technik, was wir vor zehn Jahren als Challenge… haben wir es heute hoch standardisiert und zwar so viel besser standardisiert als alle… viele, viele andere Technologien, die wir in der Medizin nutzen. Das ist eine Riesenerrungenschaft dann schon wieder. Die Herausforderung jetzt ist, dass da immer noch die technische Innovationskraft in diesem Fall ist so riesig, dass wir konstant eigentlich neue und verbesserte Technologien nutzen können, um NGS zu machen. Und das ist eine Challenge. Wie kann ich Infrastrukturen, wie kann ich Institute sozusagen ausstatten, regelmäßig neue Geräte kaufen, die Leute ausbilden und die Datenanalyse anpassen? Das ist so eine schnelle Geschwindigkeit, dass das eine Challenge darstellt. Das ist eigentlich eine tolle Sache, wenn man so will. Das explodiert sozusagen an Wissen und Know-how. Aber es ist auch eine Challenge, weil es so schnell geht. Und dann die Challenge, jetzt haben wir ganz viele Daten. Und da muss man eben auch eng mit neuen Disziplinen, anderen Disziplinen zusammenarbeiten, die sich auch wirklich mal mit ganz grundlegenden Dingen, wie „Kann ich denn Daten sinnvoll speichern? Wo speichere ich die? Wie sind die wieder zugreifbar für mich? Kann ich vielleicht auch einen Teil der Daten irgendwann mal beiseiteschieben, weil die gar nicht so einen hohen Informationsgehalt haben und mich nur auf die wesentlichen konzentrieren? Wer verwaltet das? Wie häufig kann ich die Daten noch mal nutzen?“ Weil wir haben ja so viele Fragen beantworten können, wenn wir alles messen. Also das sind alles Dinge, die uns tagtäglich umtreiben und wo wir halt auch im eigenen Institut, im eigenen Zentrum, aber auch in den wissenschaftlichen Zusammenschlüssen, in Konsortien, immer drüber nachdenken, was ist die beste Lösung?

00:35:47: Janika Kiltz Dann, ja, dazu hätte ich jetzt noch eine kleine, leicht provokative Frage. Gibt es denn auch so was wie „zu viele“ Daten? Also sind vielleicht die Forschenden auch jetzt schon etwas überfordert mit der Anzahl an Daten und auch der Interpretierbarkeit dieser Daten?

00:36:01: Prof. Dr. Joachim Schultze Ja, also ich würde nicht „zu viel“ sagen. Aber schon so viel, dass man so beeindruckt ist, und auch fragt, wo fange ich jetzt eigentlich an? Also das ist schon ein Punkt, ja. „Zu viel“ deswegen nicht, weil wir schon sehen, dass wenn wir jetzt Daten angucken, die wir vor zehn Jahren produziert haben, die Qualität schon deutlich anders ist, als die wir heute haben. Das heißt, wir haben immer noch so einen Qualitätsfortschritt, dass wir auch irgendwann mal sagen, also die Daten von vor zehn Jahren nutzen wir jetzt nicht mehr, weil neue sind so viel besser, es macht Sinn, nochmal neue Daten zu generieren. Und dann verändert sich das auch. Man kann auch an einem einfachen Beispiel zeigen, dass man eigentlich nie keine Daten mehr produzieren muss in der Medizin. Stellen Sie sich einfach vor, wir sind mal… wir haben eine Erkrankung und sind jetzt plötzlich erfolgreich und haben eine neue Therapie gegen diese Erkrankung. Das ist ja mal erst mal ein Fortschritt. Bedeutet aber jetzt, dass wir für diagnostische Zwecke oder für Verlaufskontrollen, dadurch, dass wir eine Therapie haben, wieder neue Daten erheben müssen. Wie sieht denn die Krankheit unter der neuen Therapie aus? Also, gelten unsere alten Daten überhaupt noch. Und das heißt automatisch, jeder medizinische Fortschritt in Richtung Diagnostiktherapie zieht eigentlich immer nach sich, dass wir wieder neue Daten unter diesen neuen Bedingungen erstellen müssen. Deswegen, es gibt viele Leute, die meinen „ach komm, ihre habt doch jetzt genügend Daten hergestellt, jetzt braucht ihr doch nur noch auswerten, das stimmt einfach nicht. Es wird kontinuierlich, werden wir da immer neue Daten machen müssen. Und dann kommt auch dazu in der Medizin, es ist auch leicht zu erklären. Es ist zwar nett, wenn ich eine Genominformation habe, aber ich habe ja eine ganz persönliche Genominformation. Und wenn jetzt ich wissen will, ob da was ist, was dem Arzt erleichtert zu sagen, „pass mal auf, jetzt wissen wir besser was du hast, dann können wir dir helfen“. Dann braucht er meine Genominformation und nicht die allgemeine. Und das heißt, eigentlich wird es so kommen, wenn wir diese Technologien in die Versorgung, in die medizinische bringen, dass natürlich solche Untersuchungen regelmäßig auch im Leben gemacht werden.

00:37:56: Janika Kiltz Wie kann man denn dann sicherstellen, also wenn man diese ganzen Daten braucht und generiert, dass die dann auch ihr ganzes Potenzial entfalten können?

00:38:04: Prof. Dr. Joachim Schultze Da müssen sie zugänglich sein, aber trotzdem sicher. Das ist auch ein Ziel dessen, was wir in diesen Konsortien machen, was wir auch in unserem Projekt, z. B. im German Human Genome Phenome Archive machen, dass wir quasi die Daten, die produziert sind, nicht nur für einmal nutzen können, sondern dass wir sie für weitere Fragen wieder benutzen können. Und das heißt, wir müssen sie in einen sicheren Raum bekommen, dass sie nicht einfach unbeaufsichtigt von irgendwelchen Leuten angeguckt werden können, sondern nur unter klarer Aufsicht und klarer Fragestellung. Aber dass wir sie tatsächlich mehrfach nutzen können für verschiedene Fragestellungen. Und da muss man Netzwerke bilden, da muss man Regeln bilden, da muss man sich darauf verständigen, wo die Daten sind, mit welchen Rechten man sie zugänglich machen kann, wer sie dann nachher auch auswerten kann. Und das ist ein großer Aufwand, aber der lohnt sich, weil diese Zweitnutzung von Daten, gerade bei Sequenzierdaten, ist sehr, sehr, sehr hilfreich und wertvoll. Und das kann man auch belegen durch die Literatur, wie häufig neue Befunde, dadurch, dass man sie mit Daten, die schon bestehen, nochmal verknüpft, dass dann die Wertigkeit dieser Information die man da rauskriegt, einfach deutlich besser ist. Und also das lohnt sich.

00:39:25: Janika Kiltz Jetzt sind diese Massen an Daten aber ziemlich energieintensiv und vielleicht auch nicht so gut für die Umwelt. Wie kann man denn Genetik auch etwas nachhaltiger gestalten?

00:39:36: Prof. Dr. Joachim Schultze Ja, also es ist sicherlich so, dass ein wesentlicher Punkt in der Medizin wird sein, dass wir Datensparsamkeit haben. Das heißt, wir sollten nur die Informationen wirklich speichern, die uns auch bei Zweitnutzung wirklich noch was bringen. Das heißt, wir müssen lernen, dass wir nicht alle Daten speichern, sondern dass wir lernen, wie viel Informationsgehalt ist in welchem Teil dieser Daten. Und das ist auch ein Prozess. Also ich werde nicht in aller Ewigkeit alle Daten speichern können, sondern wir werden bestimmte Zeiten einhalten. Wir werden dann aber auch gucken, dass wir bestimmte Dinge, die nicht täglich gebraucht werden, auf Datenspeicher bringen, die wesentlich billiger sind. Oder, und das wird noch ein schwieriger Weg werden, zu sagen, wir verzichten dann auch wieder drauf. Das heißt, wenn wir zum Beispiel sehen, dass bestimmte Daten überhaupt nicht genutzt werden, dass man ab einer bestimmten Zeit dann doch sagen muss, dann lohnt es sich eigentlich nicht, den Aufwand zu betreiben, die aufrecht zu erhalten. Das ist aber gar nicht so einfach. Und da sind wir auch noch nicht. Also so viele Daten haben wir dann tatsächlich noch nicht, dass wir sie jetzt wieder wegschmeißen müssten. Aber das wird kommen, weil wir eben so viele produzieren. Aber das sind Dinge, die dann auch gerade mit den Datenwissenschaftlern zusammen dann betrieben werden können. Wir können natürlich schon Statistiken machen und Überprüfungen machen. Was ist sinnvoll? Was sollte man länger aufrechterhalten an Informationen? Und was können wir dann auch mal wieder beiseitelegen?

00:41:01: Janika Kiltz Ja, das sind auf jeden Fall große Fragen für die Zukunft. Darauf haben wir als Gesellschaft, denke ich, auch noch keine konkreten Antworten. Ja, welche neuen Trends oder auch neuen Technologien werden denn Ihrer Meinung nach in naher Zukunft eine große Rolle spielen?

00:41:19: Prof. Dr. Joachim Schultze Also was ich glaube ist, wo wir die Tendenz sehen, dass das Sequenzieren kann man eben mit ganz vielen Dingen verknüpfen. Ich kann also sagen, das Einfachste, was wir jetzt immer wieder besprochen haben, ist die Genom… die Erbinformation selber. Aber die Funktion des Genoms kann man quasi auch mit Sequenzierung ablesen, ja, welche Gene sind angeschaltet. Ich kann aber auch gucken, welche Proteine sind angeschaltet. Oder ich kann im Immunsystem zum Beispiel schauen, wie eine Impfung gut funktioniert hat. Sind die Zellen, die da nach einer Impfung kommen sollen, sind denn die alle entstanden? Das kann man auch durch Sequenzierung anschauen. Und da werden verschiedene sogenannte Sequenziertechnologien oder Omics-Technologien zusammengebracht, dass ich verschiedene Informationen aus diesen Zellen oder aus einer Erkrankung oder aus einem Gewebe herauslese. Das ist viel komplexer, wenn man da verschiedene Ebenen hat, die man dann auch mit computerwissenschaftlichen und datenwissenschaftlichen Vorgehensweisen dann angehen muss. Da ist die Mathematik ganz schön schwer. Aber das wird zunehmend erobert. Und da, glaube ich, ist die Zukunft zumindest in den Lebenswissenschaften und in der Medizin. Dass wir das schaffen, weil das dann bei anderen Erkrankungen wie Diabetes oder Demenzen oder Autoimmunerkrankungen wird es notwendig sein, weil dort eben nicht allein die Erbinformation ausreicht, um die Krankheit zu verstehen.

00:42:41: Janika Kiltz Ja, vielen Dank für Ihre Einschätzung. Gibt es dann vielleicht auch noch einen Bereich, an dem man noch weiter arbeiten muss?

00:42:49: Prof. Dr. Joachim Schultze Ja, vielleicht die Akzeptanz und das Wissen. Es ist interessant, dass es eine Schlüsseltechnologie dieses Jahrhunderts ist, aber im Gegensatz zum Internet oder Mobiltelefon wird es gar nicht so sehr erkannt als solche in der Gesellschaft, auch von der Politik nicht. Aber man muss ganz klar sagen, dass diese Schlüsseltechnologie einen größeren Einfluss haben könnte, als wir uns das vorstellen oder schon hat an vielen Stellen. Ja, aber die Wertigkeit eigentlich nicht so klar ist, weil es möglicherweise komplizierter ist oder auch vielfältiger ist und nicht direkt beim Endnutzer sozusagen ankommt, sondern immer durch Vermittler wie Mediziner oder so. Aber das muss man klar wissen. Also alles, was unsere Gesundheit angeht, wird diese Technologie einen sehr, sehr großen Einfluss auf die Zukunft unseres Lebens haben.

00:43:43: Janika Kiltz Ja, genau. Also wir haben einfach kaum direkte Berührpunkte mit dem Sequenzieren in unserem Alltag. Dabei hat NGS großes Potenzial und betrifft natürlich auch unsere Gesundheit. Das Thema müsste also eigentlich viel weiter im Vordergrund stehen, als aktuell der Fall ist und ich bin dementsprechend auch sehr gespannt, wie sich das noch alles weiter entwickeln wird und natürlich auch darauf, wie Politik und Gesellschaft auf die kommenden Neuerungen reagieren werden. Ja, vielen Dank, dass Sie meine Fragen beantwortet haben und dann bis zum nächsten Mal. Dieser Podcast wurde präsentiert von GHGA. Wir bieten Infrastruktur in welcher Genomdaten sowie weitere medizinische Daten sicher gespeichert und kontrolliert zugänglich gemacht werden können. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert und ist Teil der nationalen Forschungsdaten Infrastruktur. Weitere Informationen findet ihr unter www.ghga.de. Vielen Dank fürs Zuhören und ich bedanke mich bei meinem heutigen Gast, Prof. Dr. Joachim Schultze. Bis zum nächsten Mal!

Über diesen Podcast

Der Code des Lebens – der Wissenschaftspodcast von GHGA beschäftigt sich mit verschiedenen Aspekten der menschliche Genomforschung. Obwohl wir 99% unseres Erbgutes (=unserer Gene) miteinander teilen, machen die kleinen Unterschiede uns zu dem was wir sind. Doch wie ist unser Erbgut eigentlich entstanden? Wie funktioniert Genomforschung und wie beeinflussen unsere Gene unser tägliches Leben? Diesen Fragen und mehr geht “Der Code des Lebens” auf den Grund. Zuhörende benötigen kein spezielles Vorwissen um in die faszinierende Welt der Gene einzutauchen.

Dieser Podcast wird präsentiert von GHGA – dem deutschen Humangenom-Phenom Archiv. Wir entwickeln eine Infrastruktur, in welcher humane Genomdaten sicher gespeichert und kontrolliert für die biomedizinische Forschung zugänglich gemacht werden können. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert und ist Teil der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI).

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