Der Code des Lebens

Der Code des Lebens

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00:00:00: Dr. Barbara Strobl Hallo und herzlich willkommen bei „Der Code des Lebens“, unserem Wissenschaftspodcast über die Genomforschung von gestern, heute und morgen. Mein Name ist Barbara Strobl und dieser Podcast wird präsentiert von GHGA, dem deutschen Humangenom-Phänomenarchiv. In der heutigen Folge geht es um die erste vollständige Sequenzierung des menschlichen Genoms. In den Jahren um die Jahrtausendwende gab es einen Streit in der Wissenschaft: Auf der einen Seite war das „Humangenomprojekt“, eine internationale und öffentliche Kollaboration geleitet von Francis Collins. Auf der anderen Seite war „Celera“, eine private Biotechnologiefirma geleitet von Craig Venter. Beide Seiten wollten als erstes das menschliche Genom vollständig sequenzieren. Sequenzieren heißt einfach, die Reihenfolge, also die Sequenz, der Basen ablesen. Der Streit kostete beiden Seiten viele Nerven, brachte sie unter Zeitdruck und wurde öffentlich ausgetragen. Wie schlimm der Streit wurde, merkt man zum Beispiel anhand von ein paar Zitaten. So soll die öffentliche Seite Craig Venter teils „Darth Venter“ genannt haben, wohingegen Craig Venter zu Francis Collins angeblich gesagt hat: „Ich mach das menschliche Genom, du kannst dich ja um die Maus kümmern.“ James Watson, einer der Entdecker der DNA-Struktur, soll sogar gesagt haben, die Methode der anderen könne jeder Affe machen. Dieser Streit bekam viel mediale Aufmerksamkeit. Dabei geht jedoch die eigentliche Leistung fast ein bisschen unter. Und diese wissenschaftliche Leistung allein ist eigentlich schon eine Podcastfolge wert. Collins selbst fasste das Projekt zum Beispiel so zusammen, es sei das wichtigste Wissenschaftsprojekt, das die Menschheit je unternommen hat. Es stellt sogar die Mondlandung in den Schatten. Aber was ist denn eigentlich dieses menschliche Genom, das da sequenziert werden sollte? Das menschliche Genom befindet sich im Zellkern jeder Zelle, also zum Beispiel in deiner Haut, in deinem Blut oder in deinem Herzen. Jede Zelle hat immer den gleichen Code; warum dann aber trotzdem unterschiedliche Zellen daraus werden, behandeln wir in einer anderen Folge. In diesem Zellkern befinden sich 23 Chromosomenpaare. Ein Chromosom kann man sich ein bisschen wie eine Spule mit einem Nähfaden vorstellen. Die unterschiedlichen Chromosomen oder Spulen haben dann auch unterschiedliche Größen. Wenn man auf diesen Nähfaden hineinzoomt, dann sieht man die berühmte Doppelhelixstruktur. Die wichtigsten Bausteine dieser Doppelhelixstruktur sind die Basen. Die Basen heißen Adenin, Zytosin, Guanin und Thymin, und sie werden immer mit ihrem Anfangsbuchstaben abgekürzt, also A, C, G und T. Diese Basen sind wie ein Code, daher: die Reihenfolge bestimmt die Erbinformation. Das ist zum Beispiel ähnlich zu Computersoftware, die ja nur aus Nullern und Einsern besteht. Im Vergleich dazu besteht dein Genom eben nur aus A, C, G und T. Wenn man das menschliche Genom sequenzieren möchte, muss man 3 Milliarden Basen dafür ablesen. Daher, das war ein ziemlich schwieriges Vorhaben. Wir können uns das zum Beispiel anhand vom Nähfaden vorstellen: Wenn wir annehmen, dass eine Base einen Millimeter groß wäre, dann würde das 3 Milliarden Millimeter, also 3000 Kilometer bedeuten. Das wären etwa die Distanz von Berlin bis Marrakesch in Marokko. In echt sind die Basen natürlich deutlich kleiner, und die Länge eines DNA-Strangs ist nur etwa 2 Meter lang. Man kann diese Dimensionen auch mit Büchern veranschaulichen: Stellen wir uns vor, dass wir die Buchstaben A, C, G und T in einem Word-Datei mit den Standardeinstellungen schreiben. Dann bekommen wir 3593 Buchstaben auf eine Seite. Wenn wir jetzt davon ausgehen, dass ein Buch 1000 Seiten hat, dann bekommen wir 3,5 Millionen Buchstaben in ein Buch. Das heißt, wir brauchen 835 Bücher, um den gesamten menschlichen Code abzuschreiben. Für einen tieferen Einblick in die zwei Projekte haben wir zwei Leute interviewt. Dr. Max Haeussler arbeitet an der University of California, Santa Cruz, wo er für den „Genome Browser“, ein Visualisierungswerkzeug für das menschliche Genom, zuständig ist. Er ist Informatiker und Biologe und arbeitet in einer Gruppe, die damals in dem Humangenomprojekt involviert war. Er selbst war damals noch nicht dabei, präsentiert heute aber trotzdem das öffentliche Projekt. Prof. Knut Reinert ist Professor für algorithmische Bioinformatik an der Freien Universität in Berlin. Er hat in den Jahren zwischen 1999 und 2002, also genau in den Jahren, wo das menschliche Genom veröffentlicht wurde, bei der Firma „Celera Genomics“ gearbeitet. Er präsentiert das private Projekt. Am Anfang wollte ich von unseren zwei Interview-Gästen erst einmal wissen: Was wusste man denn eigentlich bereits vor diesen Projekten über das menschliche Genom bzw. was wusste man nachher? Zuerst hören wir nun Dr. Max Haeussler, der das öffentliche Projekt präsentiert.

00:05:43: Dr. Maximilian Haeussler Versetzen wir uns in die 80er Jahre. Da wusste man nicht, wie viele Proteine, also wie viele so kleine Maschinchen in so einer menschlichen Zelle gibt es überhaupt. Man konnte, wenn ein Kind oder eine Familie eine Erbkrankheit hatte, hatte man eine Chance, wenn man genug Familien hat, und genug Familienmitglieder, irgendwann mit sehr viel Arbeit die Mutation zu finden, die in dieser Familie zirkuliert. Aber es war eine extreme Arbeit und es gab relativ wenig Fälle. Das Humangenomprojekt hat viele Sachen in der Biologie geändert, um nicht zu sagen, indirekt eigentlich fast alle Sachen. Mediziner und Biologen können sich das heute nicht mehr so ganz vorstellen, wie die Welt war, wie es das noch nicht gab.

00:06:27: Dr. Barbara Strobl Auch Prof. Reinert vom privaten Projekt hat uns diese Frage beantwortet.

00:06:33: Prof. Dr. Knut Reinert Da kann ich Ihnen glaub ich keine richtig qualifizierte Antwort geben, da ich kein Genetiker oder Mediziner bin. Aber ich weiß durchaus, dass natürlich gewisse Erbkrankheiten, gewisse Teile des Genoms sequenziert waren, an denen geforscht wurden. Also ganz… manche Gruppen haben an ein, zwei Genen geforscht, von denen man die Sequenz kannte. Aber man war natürlich weit davon weg, die Gesamtheit der Gene zu kennen, die, ich würde sagen, die Rolle von regulatorischen RNAs, die man zuerst vielleicht despektierlich als „Junk-DNA“, also als „Müll-DNA“ bezeichnet hatte, die war zu dem Zeitpunkt noch nicht klar. Mit der Erforschung der Gesamtsequenz wurde es immer klarer, wie komplex die Genregulation von menschlichen Genen ist. Man war ja zuerst enttäuscht, dass man sagte, naja, wir haben nur so 20.000, 30.000 Gene, das ist gar nicht so viel mehr wie eine Fruchtfliege. Aber es zeigt sich, dass die Regulation von Genen und die komplexen Prozesse von zum Beispiel alternativen Splicing von Genprodukten wesentlich komplexer sind bei Menschen. Dieses gesamte Verständnis konnte man erst mit dem Vorliegen der gesamten Genomsequenz in den folgenden Jahren dann erlangen.

00:07:46: Dr. Barbara Strobl Auch Dr. Haeussler hat noch ein paar weitere Beispiele, was in den Jahren nach der Genomsequenzierung alles möglich war.

00:07:52: Dr. Maximilian Haeussler Dann konnte man plötzlich Sachen über das Genom sagen, die waren vorher vollkommen unklar. Man konnte wissen, wie viele Proteine gibt es eigentlich in so einer Zelle? Wie viel mehr so von der grundsätzlichen Annahme, wie ähnlich sind wir uns zu Schimpansen? Wie sind die Ähnlichkeiten zwischen unterschiedlichen Tieren bei ihrem Genom? Und nachdem das Genom dann bekannt war, konnte man plötzlich Marker gezielt setzen und die abfragen. Und damit konnte man plötzlich tausende Leute auf bestimmte Mutationen oder unterschiedliche Marker testen. Danach konnte man machen… Patienten, große Populationen von Patienten, mehrere Tausend, die bestimmte Eigenschaften haben und suchen, woher kommen die Eigenschaften im Genom. Man konnte also anfangen, versuchen herauszubekommen, was ist die genetische Basis für bestimmte Krankheiten? Oder wie groß ist überhaupt die genetische Basis? Versus Lebensstil oder andere Sachen. Wir sind eigentlich erst am Anfang dieser gesamten Änderungen. Das heißt, das Genom hat beeinflusst eigentlich die gesamte Art wie Mediziner oder wie Biologen viele Sachen angehen. Dadurch, dass alle Proteine plötzlich bekannt sind, man Antikörper gegen alle Proteine machen kann. Wenn es Krankheiten gibt, wie jetzt eben vor kurzem Covid, geht alles viel, viel, viel schneller.

00:09:00: Dr. Barbara Strobl Und warum ist es eigentlich überhaupt wichtig, das menschliche Genom zu kennen? Also gibt es ein paar Beispiele, wofür man diese Information über das menschliche Genom überhaupt braucht?

00:09:11: Dr. Maximilian Haeussler Die heutige Forschung benutzt den ganzen Tag dieses Genom, und zwar wirklich konsequent von früh bis spät. Vielleicht nicht unbedingt die Sequenz an sich, aber irgendwelche Sachen, die daraus kamen. Wenn man bestellt einen Antikörper, um was zu testen in seiner Probe, dann hat die Firma, die einen Antikörper gemacht hat, natürlich eine Human Genome Sequenz oder eine Proteinsequenz davon benutzt.

00:09:33: Dr. Barbara Strobl Antikörper-Tests kennen wir ja mittlerweile alle recht gut aufgrund von der Corona-Pandemie. Wir sehen also, dass man wahnsinnig viel mit dem Wissen über das menschliche Genom machen kann. Aber gab es abgesehen von dem Wissen über die Genetik auch technologische Fortschritte?

00:09:51: Prof. Dr. Knut Reinert Also im Bereich der Biomedizin bin ich wie gesagt kein ausgesprochener Experte. Es ist nur so, dass in der genetischen Forschung routinemäßig angenommen wird, dass man eben ein Referenzgenom von einem oder mehreren Menschen hat. Man kann damit eben heutzutage individuelle Genome von Patienten sehr schnell erstellen. Man vergleicht gegen eine Referenz. Durch die vergleichende Analyse bekommt man eben mit, welche Varianten die Einzelperson hat. Die kann man wiederum verbinden mit gewissen Krankheitsverläufen. Man kann sogar verbinden mit, wie gut ein gewisses Medikament wirken kann oder ob es überhaupt wirksam ist, welche Behandlungsmethoden vielversprechend sind, abhängig von der ganz individuellen genetischen Prädisposition eines Patienten. Das heißt, man bekommt jetzt immer mehr in den Bereich der personalisierten Medizin.

00:10:42: Dr. Maximilian Haeussler Das Humangenomprojekt hatte erst einmal zur direkten Folge, dass die Preise für Sequenzierungen massiv gesunken sind. Es gab plötzlich eine große Nachfrage nach diesen Maschinen, die vorher völlig obskur waren. Das hat sehr schnell innerhalb einiger Jahre dazu gehört, dass diese Technologie wesentlich billiger wurde. Und auch den Leuten, die ursprünglich bezweifelt haben, dass so was geht, klar wurde, dass es durchaus machbar ist. Und zwar deswegen, weil Sachen billiger werden. Das merkt man oft, wenn neue Technik einfach plötzlich billiger wird, ergeben sich völlig neue Anwendungen. Wer sich an die Welt ohne Smartphone erinnert, der hat wahrscheinlich auch sich am Anfang gewundert, wofür das gut ist. Und jetzt ist es schwer vorzustellen ohne. Und dieser Umwandel, der ging relativ schnell. Beim Humangenom war das so ähnlich.

00:11:23: Dr. Barbara Strobl Wir sehen also, das übergeordnete Ziel zwischen diesen zwei Projekten war ja offensichtlich das gleiche. Aber was waren dann eigentlich die Unterschiede zwischen diesen zwei Projekten? Also, gab es zum Beispiel verschiedene Methodikansätze oder auch unterschiedliche Ansätze zur Verfügbarkeit der Daten? Diese Unterschiede werden von unseren Interviewgästen zusammengefasst.

00:11:45: Prof. Dr. Knut Reinert Dass man vielleicht vor der Sequenzierung ja noch gar nicht zu träumen wagte, ist, wie viele neue Analysemethoden es überhaupt gab. Also inzwischen macht man heutzutage auch zum Beispiel metagenomische Analysen. Metagenomik heißt, man analysiert nicht ein Genom, sondern eine ganze Genompopulation, zum Beispiel von allen Mikroben im Magen eines Menschen. Und da kann man auch Krankheiten davon ablesen, weil nicht nur vom Menschen, auch von Tieren, von Fütterungsversuchen. Das heißt, diese Fähigkeit, ganze Genome schnell und günstig zu assemblieren, das heißt, die Stücke zu sequenzieren und dann zusammenzubauen, die hat ganz neue Analyseideen gebracht.

00:12:24: Dr. Maximilian Haeussler Es gab das öffentliche Projekt, das war relativ langsam. Das öffentliche Projekt hatte als Strategie, sich langsam aber mit hoher Qualität von links nach rechts, auch diese Chromosomen durchzuarbeiten, indem man jeweils kleine Stücke genommen hat, die in Hefe vermehren hat lassen und dann sich da Stück für Stück von links nach rechts durchging. Einigen Wissenschaftlern war das zu langsam. Die fanden, dass man doch einfach das gesamte Genom nimmt, in kleine Stücke zerteilt und die da am Computer zusammenpuzzeln lässt. Beim öffentlichen Projekt gab es ein wenig eine Hürde dafür und manche von denen haben sich dann… haben dann eine Firma gegründet, also privates Geld gefunden, und wollten diese Idee umsetzen. Also der technische Unterschied war der, dass das öffentliche Projekt hohe Qualität und langsame Geschwindigkeit bevorzugt hat, versus dem privaten Projekt, die gesagt haben, so schnell wie möglich und dann lassen wir eben ein paar Löcher.

00:13:20: Dr. Barbara Strobl Und wie sieht Professor Reinert diese Unterschiede aus Sicht der privaten Seite?

00:13:24: Prof. Dr. Knut Reinert Der Hauptunterschied war, dass wir auf einer sogenannten „Whole Genome Shotgun“, also wir haben die Schnipsel des gesamten Genoms erzeugt und wollten die direkt zusammenbauen. Wohingegen das öffentliche Projekt viele 10.000 größere Stücke des menschlichen Genoms genommen hat, die in artifizielle Bakterien eingepflanzt hat, die multiplizieren lassen hat und dann die Teile des menschlichen Genoms aus den Bakterien herausgelöst hat und die Schnipsel, die dann zum Menschen gehörten, separat zusammengesetzt hat, sodass sie nachher dann zig tausend große Schnipsel hatten, die sie dann auch noch zusammensetzen mussten. Der Vorteil für das menschliche Genomprojekt war natürlich, dass sie diese bakteriellen Genome sehr gut weltweit verteilen konnten. Also die Deutschen haben das gemacht, die Engländer haben das gemacht, die Amerikanische Uni 1 hat das gemacht, wohingegen in unserem Ansatz alle Daten in unserem Labor in Rockville in einem Gebäude praktisch erzeugt wurden. Weshalb man natürlich eine wesentlich bessere Qualitätskontrolle hat. Also der Vorteil und die offensichtliche Ansatz vom öffentlichen Projekt war so, dass man die Sequenzierung auf zigtausende kleine menschliche Genomstücke reduziert hat, die man gut verteilen konnte, also physikalisch. Und dann hatte man das Problem, diese Teile am Schluss nochmal zusammenzusetzen. Das ist gar nicht so einfach, weil Bakterien rearrangieren selbst ihr Genom. Das heißt, das Stück menschliches Genom, das sie da reinstecken, ist nicht mehr unbedingt so, wie sie es reingesteckt haben, sondern wurde vom Bakterium rearrangiert. Und bei uns waren die Daten wesentlich sauberer und wir hatten aber das größere Berechnungsproblem. Und deshalb war das auch für die Bioinformatik, für die ich jetzt auch Professor bin, auch eine Art Mondlandung. Das war das erste biologische Problem, wo man wirklich sehr gute bioinformatische Algorithmen gebraucht hat, um dann alle diese vielen, vielen Millionen, das waren etwa 27 Millionen Schnipsel, richtig zusammenzusetzen.

00:15:31: Dr. Barbara Strobl Es gab also zwei recht unterschiedliche Ansätze, wie man dieses menschliche Genom tatsächlich sequenzieren wollte. Aber gab es auch Unterschiede bei den Sequenziermaschinen oder den Vorstellungen zur Datenverfügbarkeit?

00:15:46: Dr. Maximilian Haeussler Wie das organisiert wurde, war natürlich anders, nicht. Das eine war eine Firma mit einer riesigen Halle voll mit Maschinen. Die anderen haben das ein bisschen quer über die ganze Welt verstreut und das hat sie sehr viel Zeit gekostet, weil sie sehr, sehr viele Meetings permanent notwendig waren. Von der… Was für Technik sie benutzt haben, haben sie letztendlich beide die gleichen Maschinen benutzt. Das heißt, die Firma… plötzlich gab es einen neuen Businessbereich in der Biotechnologie, nämlich Sequenzierhersteller. Das gab es so vorher gar nicht, es gab ja keine Kunden.

00:16:14: Prof. Dr. Knut Reinert Celera hat etwa eine halbe Milliarde Dollar als Anfangskapital bekommen und etwa 400 Millionen gingen direkt in den Kauf von diesen Sequenzierern, die unsere Muttergesellschaft hergestellt hat. Und die haben natürlich eine ähnliche Anzahl von Sequenzierern auch an die öffentliche Hand verkauft, sodass das für die schon ein hervorragendes Geschäft war. Abgesehen davon von den üblichen Verträgen mit Pharmafirmen, die dann einen exklusiven Zugang auch auf die Rohdaten hatten. Das war der Unterschied zu der öffentlichen Hand, der wurde dann die fertige Sequenz versprochen.

00:16:47: Dr. Maximilian Haeussler Dann war ja der rechtliche Ansatz komplett unterschiedlich: Die Öffentlichen wollten das alles öffentlich machen, frei verfügbar machen, die privaten eventuell auch, aber mit irgendwelchen Beschränkungen.

00:16:58: Dr. Barbara Strobl Es gab also doch einige Unterschiede zwischen den zwei Projekten. Aber könnte man im Nachhinein sagen, dass der Streit vielleicht sogar nützlich war?

00:17:08: Prof. Dr. Knut Reinert Es war sicherlich nützlich, dieses Wettrennen oder diese Konkurrenz war nützlich, dass die Menschheit deutlich schneller das menschliche Genom bekommen hat in der ersten nutzbaren Form und auch viele Ressourcen, Informatikressourcen, um jetzt andere Genome von anderen Lebewesen schnell zusammenbauen zu können. Ohne dieses Rennen wäre das wahrscheinlich alles wesentlich langsamer geworden und ja, natürlich hat das Ressourcen und Geld und Nerven gekostet, aber das vergisst man ja schnell.

00:17:38: Dr. Maximilian Haeussler Ich glaube, das war sehr nützlich, weil es auf jeden Fall das öffentliche Projekt wesentlich beschleunigt hat. Es war sehr nützlich für die Bioinformatiker, die kurz vor knapp, ich glaube wirklich, also eventuell Tage vor dem großen Meeting im Weißen Haus, dass sie letztendlich geschafft haben, diese vielen Millionen von kleinen, 1.000 Nukleotid lange Schnipseln zusammenzupuzzlen mit ihren großen Computern. Das gab es vorher nicht, dass so ein großes Projekt komplett auf den Informatikern basiert hat. Und das war auch, glaube ich, nicht so ganz sicher, wie gut das zusammenkommen würde. Aber ich glaube schon, dass das Rennen um wer wird als erster fertig hat dem Projekt massiv geholfen, weil es sehr viel Öffentlichkeit und sehr viele Journalisten interessiert hat, so ähnlich wie das Rennen um die Mondlandung, ja auch irgendwie… die Leute mögen gerne Rennen.

00:18:30: Dr. Barbara Strobl Und so sind wir wieder beim Thema Mondlandung gelandet. Ich wollte von unseren Interviewgästen noch wissen: Ist diese Vergleich mit der Mondlandung denn ihrer Meinung nach berechtigt?

00:18:42: Prof. Dr. Knut Reinert Ja, also ich glaube der Vergleich ist durchaus passend. Wenn man an Mondlandung denkt, das war, glaube ich, für viele Menschen damals in den 60ern praktisch unvorstellbar, jemand ins All zu schießen und einen punktgenau auf diesem Himmelskörper landen zu lassen. Und ich glaube, in der Biologie war es ähnlich. Man wusste, dass natürlich, was ein Genom ist, man hatte auch schon Teile oder kleinere Genome sequenziert. Man wusste, was für eine riesige Arbeit das war mit den damals vorherrschenden Methoden. Und dann das menschliche Genom, von dem man ja zur Zeit als es sequenziert wurde noch gar nicht genau wusste, wie groß ist es nur, dass es sehr, sehr, sehr viel größer war, da liegt der Vergleich nahe, so wie man vielleicht sagt, naja, ich kann vielleicht von hier von A nach B fliegen, aber zum Mond, das werde ich nicht schaffen. Und genauso, glaube ich, war die vorherrschende Meinung, wir können vielleicht ein kleines Bakterium sequenzieren und das Genom bestimmen, aber ein ungleich komplexeres und größeres von einem Eukaryot, von einem komplexen Eukaryot wie den Menschen, das galt als extrem schwierig. Und das fertig zu bekommen, kann man mit der Mondlandung vergleichen, weil es dann natürlich ganz neue Möglichkeiten in der Biomedizin eröffnet.

00:20:00: Dr. Maximilian Haeussler Also einerseits ist es der logische… ist der Vergleich zur Mondlandung relativ logisch, weil es war ein großes Projekt und wie man damit angefangen hat, waren viele Leute nicht daran interessiert. Ich habe vor kurzem gelesen, dass 80 Prozent der amerikanischen Biologen, wenn man sie gefragt hat, das Projekt völlig unsinnig fanden. Und die meisten Mediziner damit gar nichts anfangen konnten. Also war das so eine Art von technologischer Grundlage oder Größe des Projektes, die keiner glaubte, es wäre überhaupt machbar, am Anfang zumindest die Öffentlichkeit nicht. In der Hinsicht passt es. Ich finde, es passt nicht so ganz, weil der Alltagsbezug des Humangenomprojekts ist größer, glaube ich, als bei der Mondlandung. Die Mondlandung, damit konnten alle was anfangen, das haben alle im Fernseher angucken, das Humangenomprojekt ist so ein bisschen abstrakter, aber die… was es, wie das uns im Alltag betrifft, ist, glaube ich, stärker, wie wir jetzt zunehmend sehen, wenn man heute irgendwie so was von Covid und Omikron und neuer Covid-Variante sieht, da ist immer die Rede von Sequenzierung und Varianten. Man merkt, wie das uns alle sehr direkt betrifft, ein bisschen mehr als die Mondlandung, glaube ich.

00:21:09: Dr. Barbara Strobl Das Ziel der beiden Projekte war ja das gleiche, einfach der Ansatz ein bisschen ein anderer. Wie wir vorher gehört haben, waren die beiden Projekte ja auch erfolgreich, denn es gibt heute die vollständige menschliche Genomsequenz. Wie ging der Streit also zu Ende? Im Endeffekt wurde der Gleichstand ausgerufen. Beide Parteien, Francis Collins für das öffentliche Projekt und Craig Venter für das private Projekt, verkündeten gemeinsam mit Präsident Clinton im Weißen Haus im Jahr 2000 die vollständige Sequenzierung des menschlichen Genoms, also die „Mondlandung der Genetik“. Beide Seiten gaben sich versöhnlich, so sprach Collins über Venter, er habe eine neue Denkweise in der Biologie eingeführt und Venter bedankte sich bei Collins für die Zusammenarbeit und die Kooperation in der Genetik-Gemeinschaft zu fördern. Auch Präsident Clinton gab eine Rede zu diesem Anlass und verkündete das großartigste Zeitalter der Entdeckungen. Welche weiteren Anwendungen auf Grundlage des entschlüsselten menschlichen Genoms fallen euch ein? Antwortet uns auf unserer Homepage www.ghga.de/de/codedeslebens oder auf unserem Twitter-Account @codedeslebens. In unserer nächsten Folge sprechen wir darüber, wie Genomforschung überhaupt funktioniert. Dieser Podcast wurde präsentiert von GHGA. Wir bieten Infrastruktur, in welcher Genomdaten sowie weitere medizinische Daten sicher gespeichert und kontrolliert zugänglich gemacht werden können. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert und ist Teil der nationalen Forschungsdateninfrastruktur. Vielen Dank fürs Zuhören und herzlichen Dank an unsere heutigen Gäste, Dr. Haeussler und Prof. Reinert. Bis zum nächsten Mal!

Über diesen Podcast

Der Code des Lebens – der Wissenschaftspodcast von GHGA beschäftigt sich mit verschiedenen Aspekten der menschliche Genomforschung. Obwohl wir 99% unseres Erbgutes (=unserer Gene) miteinander teilen, machen die kleinen Unterschiede uns zu dem was wir sind. Doch wie ist unser Erbgut eigentlich entstanden? Wie funktioniert Genomforschung und wie beeinflussen unsere Gene unser tägliches Leben? Diesen Fragen und mehr geht “Der Code des Lebens” auf den Grund. Zuhörende benötigen kein spezielles Vorwissen um in die faszinierende Welt der Gene einzutauchen.

Dieser Podcast wird präsentiert von GHGA – dem deutschen Humangenom-Phenom Archiv. Wir entwickeln eine Infrastruktur, in welcher humane Genomdaten sicher gespeichert und kontrolliert für die biomedizinische Forschung zugänglich gemacht werden können. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert und ist Teil der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI).

Podcastlizenz: CC-BY

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