Der Code des Lebens

Der Code des Lebens

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00:00:03: Barbara Strobl Wie wird man alt? Viele Menschen interessieren sich vor allem für Umweltfaktoren, die ein langes Leben begünstigen, also Dinge wie Ernährung, Bewegung, Schlaf oder Stressmanagement. Das sind ja auch die Bereiche, auf die wir selbst Einfluss haben. Aber auch unsere Gene haben einen Einfluss darauf, wie alt wir werden. Ein faszinierendes Beispiel ist die Französin Jeanne Calment. Sie gilt bis heute als der älteste Mensch der Welt. Sie wurde 122 Jahre alt und das, obwohl sie fast ihr ganzes Leben lang geraucht hat. Willkommen zu einer neuen Folge von „Der Code des Lebens“. Mein Name ist Barbara Strobl und ich spreche hier jeden Monat mit spannenden Gästen aus der Welt der Genomforschung. Unser heutiger Gast ist Prof. Joris Deelen. Prof. Deelen forscht zurzeit am Leiden University Medical Center, also am medizinischen Zentrum der Universität Leiden in der Niederlande. Davor hat er neun Jahre lang am Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns eine Forschungsgruppe geleitet und kann uns daher, glücklicherweise, seine Forschung auch auf Deutsch erklären. Seine Gruppe am Max-Planck-Institut ist auch noch weiterhin aktiv und erforscht die funktionelle Charakterisierung seltener proteinverändernder, genetischer Varianten, die am gesunden Altern beteiligt sind, vor allem anhand von Modellorganismen. Für seine Forschung in Leiden verwendet Prof. Deelen nun auch wieder vermehrt menschliche Daten. Mit seiner Forschung möchte er herausfinden, wie unsere Genetik das menschliche Altern beeinflusst. Prof. Deelen, hallo und herzlichen Dank, dass Sie heute dabei sind.

00:01:45: Prof. Joris Deelen Ja, danke für die Einladung! Es freut mich, über meine Untersuchungen zu sprechen.

00:01:50: Barbara Strobl Bevor wir jetzt in die Thematik tiefer einsteigen, machen wir vielleicht noch mal einen Schritt zurück. Wie wird Altern eigentlich biologisch definiert?

00:01:58: Prof. Joris Deelen Ja, das ist eine gute Frage. Das ist noch nicht immer klar. Wir sehen viele unterschiedliche Weisen, wie Alter definiert wird, aber was viel genützt wird, ist, dass über die Zeit unser Körper immer schlechter funktioniert. So was passiert ist, wir haben mehr Umgebungsfaktoren, die unsere Gesundheit beeinflussen, aber wir haben auch eine schlechte Reparatur von Fehlern, die auftreten mit dem Alter. So wir funktionieren schlechter, aber wir sind auch schlechter in der Reparierung von den Problemen, die kommen mit dem Alter.

00:02:29: Barbara Strobl Menschen, die besonders alt werden, haben dann häufig bestimmte Genvarianten. Welche Gene betrifft das und was machen die genau in unserem Körper?

00:02:39: Prof. Joris Deelen Ja, ich würde gerne noch einen Schritt zurückgehen. Wir haben die Alterung und wir haben die langlebigen Menschen. Und wir denken, dass Alterung die Genetik hat eine Rolle, aber wir denken, dass die Genetik eine große Rolle hat, in sehr langlebigen Menschen. Wir denken, dass das noch ein bisschen stärker genetisch ist. Und das sehen wir auch, wenn wir in die Familien gucken, die Familien, wo mehrere Personen über mehrere Generationen zu den 10% Längstlebenden von der Geburtskohorte gehören, dass das den stärksten genetische Hintergrund hat. So darum fokussieren wir uns viel auf die Familien und langlebige Menschen allgemein und nicht so viel auf das ganze Altern. Und was wir dann gefunden haben, ist, da sind nicht so viele „common variants“ [Anm. häufige genetische Varianten], so Varianten, die in ganz vielen Menschen in die Population auch da sind, aber es sind nur zwei, würde ich sagen, wo wir den Beweis gefunden haben, dass sie auch tatsächlich etwas beitragen an Langlebigkeit und das sind APOE - und da sind zwei unterschiedliche Varianten - und das FOXO3 Gen. Und in dem APOE-Gen haben wir eine Variante gefunden, die mehr vorkommt in diesen langlebigen Menschen, so das ist eine protektive Variante, das ist das APOE ε3 Alle und dann haben wir auch das APOE ε4 Allel, das weniger vorkommt in diesen langlebigen Menschen. So das ist ein Risiko-Allel, was dann für viele unterschiedliche Krankheiten sorgt, wie Alzheimer Krankheiten und Herz-Kreislauf-Krankheiten, aber was wir sehen ist, dass die langlebigen Menschen weniger von dieser Variante haben. Und dann haben wir noch das FOXO3 Gen und da ist das auch so, dass die Variante mehr vorkommt in diesen langlebigen Familien. So das ist auch eine protektive Variante. Und das sind die drei Varianten wofür wir viel Beweis haben, die tatsächlich etwas beitragen an die Alterung.

00:04:36: Barbara Strobl Ok, also der größte genetische Einfluss auf das Alter zeigt sich vor allem bei Menschen, die außergewöhnlich alt werden, wie zum Beispiel Jeanne Calment. Bei „normalen” Menschen spielt im Vergleich dazu die Umwelt eine größere Rolle. Die wichtigsten Gene, die bisher mit Langlebigkeit in Verbindung gebracht wurden, heißen APOE und FOXO3. Bei APOE wurden zwei Genvarianten identifiziert, die das Alter beeinflussen. Aber was ist eine Genvariante? Jedes menschliche Gen besteht aus einer langen Kette von Basen, die die Bauanleitung für Proteine bilden. Diese Basen sind nicht bei jedem Menschen genau gleich – manchmal kommt es zu einer kleinen Veränderung. Manche dieser Veränderungen können Krankheiten verursachen, etwa wenn dadurch ein falsches Protein entsteht oder ein wichtiges Protein fehlt. Andere Varianten verändern das Gen zwar auch, führen aber nicht unbedingt zu Krankheiten. Bei APOE gibt es zwei solcher Varianten, die statistisch gesehen das Alter beeinflussen: eine schützt vor altersbedingten Erkrankungen, die andere erhöht das Risiko dafür. Prof. Deelen, Sie haben gerade langlebigen Menschen erwähnt, gibt es da ein bestimmtes Alter, ab wann jemand so definiert wird?

00:05:57: Prof. Joris Deelen Wir haben viel ausprobiert. Im Moment machen wir das mit den Perzentilen, so wir gucken auf die Menschen, die zum 10% oder 1% langlebigen Menschen, seiner Geburtskohorte gehören und das sind dann für Männer und Frauen separat. Normalerweise in vielen Ländern ist das so, dass die Frauen länger leben, wie die Männer. Und das ist ganz unterschiedlich, wenn man in die 1800 geboren wurde, würde das zum Beispiel 80 sein, aber im Moment würde das über 90 sein. So, das ist ganz unterschiedlich, zwischen Geburtskohorten. Und in dieser Weise probieren wir auch mitzunehmen, dass wir immer älter werden durch die Umgebungsfaktoren, aber das wollen wir rausnehmen, wenn wir nach der Genetik gucken.

00:06:43: Barbara Strobl Wenn Sie jetzt schon gerade die Umgebungsfaktoren angesprochen haben, gibt es grobe Schätzungen, wie viel Prozent die Genetik jetzt bei den besonders langlebigen Menschen ausmacht im Vergleich zu den Umgebungsfaktoren?

00:06:56: Prof. Joris Deelen Ja, das Problem ist, dass wir nicht genug Menschen haben, um das gut einzuschätzen. Wir denken, dass das ganz viel ist, und mehr ist wie beim normalen Altern. Und wenn wir nach der Lebensspanne gucken zum Beispiel, die ersten Einschätzungen waren, dass wenn wir nach die Zwillinge gucken, mit Zwillingsuntersuchungen kann man ganz gut einschätzen, wie viel die Erblichkeit ist und wie viel die Umgebung ist. Und dann hat man gefunden, dass das ungefähr 25 Prozent Genetik und 75 Prozent Umgebung war. Aber wir haben eine neue Publikation. Wir denke, wenn wir die Ursachen durch nicht-intrinsische Faktoren, wenn wir das rausnehmen, dann würde die Erblichkeit zu 50 Prozent gehen. So, wir denken, dass es tatsächlich ein bisschen größer ist, ungefähr 50 Prozent von der Lebensspanne würde etwa durch die Genetik. Und wir denken dann, dass das für die Langlebigkeit das noch ein bisschen mehr ist. Wie viel mehr können wir nicht so gut einschätzen. Wir haben nicht genug Zwillingen, um das einzuschätzen. Aber die Umgebung und die Genetik spielen beide eine ganz wichtige Rolle in Langlebigkeit.

00:08:02: Barbara Strobl Gut, also man kann eigentlich sagen, zurzeit kennt man nur wenige Gene, beziehungsweise Genvarianten, die einen eindeutigen Zusammenhang mit der Langlebigkeit haben. Der Lebensstil ist für die meisten schon auch noch sehr entscheidend. Und ein gesunder Lebensstil ist eigentlich vor allem dann wichtig, wenn man bei der Genetik etwas weniger Glück hat. Jetzt haben Sie erwähnt, dass man bis jetzt nur zwei „common variants“ – also häufige genetische Varianten - gefunden hat, die die Langlebigkeit beeinflussen. Denken Sie, dass die langlebigen Menschen denn auch seltene genetische Varianten besitzen, die helfen könnten, dass sie so alt werden?

00:08:43: Prof. Joris Deelen Ja, das denken wir. Wir sehen, dass diese langlebigen Menschen, sie haben ganz viele Varianten, die beitragen an Krankheiten, aber sie haben diese Krankheiten nicht. So sie müssen etwas haben in das Genom, dass sie schützt gegen diese Krankheiten. Und das probieren wir dann herauszufinden. Aber was wir sehen, ist, dass das nicht so ist, wenn wir ganz viele Menschen zugleich untersuchen, ganz viele von den langlebigen Menschen, dass sie etwas haben, was alle tragen, dass sie schützt. So wir denken, dass es pro Familie oder einige Familien zusammen, dass sie einige Varianten haben, die sie schützen und andere Familien haben andere Varianten, die sie schützen. So das ist ganz schwierig zu erforschen. Aber wir denken, dass viele Möglichkeiten, womit die Menschen sich schützen können, gegen diese Risikofaktoren. Darum sind wir auch nach den langlebigen Familien gegangen, um dann herauszufinden, ob sie dann nicht diese „common variants“ [Anm. häufige genetische Varianten] tragen, so die 1 % oder 5 % von der Population auch da sind. Aber dass wir die seltenen genetischen Varianten untersuchen, die nur zum Beispiel von einer Familie oder zwei Familien vorkommen und dann hoffen wir, dass das die Erklärung sein kann von dieser Langlebigkeit von diesen Familien. Wir glauben auch, dass das nicht nur eine Variante ist oder zwei oder drei, aber dass auch die Kombination von unterschiedlichen Varianten zusammen, dass die diesen Menschen länger leben lassen kann. Aber das ist wieder auch sehr schwierig zu untersuchen mit den Methodiken, die wir in diesem Moment nützen können, auch wegen, dass wir nur 1.000 oder 10.000, wenn wir Glück haben, von diesen Menschen haben, um diese Untersuchungen zu machen. Und normalerweise würden wir über 100.000 oder wenn möglich 1 Million Menschen nützen, um ganz kleine Effekte zu finden in diesen genetischen Varianten. Das macht das immer schwierig für uns. Es ist ein spannendes Forschungsgebiet. Aber am Anfang waren ganz viele Menschen, die gesagt haben, wir glauben nicht, dass Genetik eine Rolle spielt in Langlebigkeit. Wir denken, dass ist nur Umgebung. Das hat ganz lange gedauert, bevor wir den Beweis hatten, dass auf tatsächlich die Genetik beitragt an Langlebigkeit. Und noch immer ist die Frage, wie das exakt reguliert ist in den Menschen. Wir denken, dass das wichtigste Faktor ist die Schützung gegen cardio-metabolische Krankheiten, so dass ist Herzkreislauf, aber auch noch ein bisschen breiter, dass das die Protektion gegen diese Krankheiten, dass das das Stärkste ist, was diese langlebige Menschen haben. Nicht so viel die Protektionen, z.B. gegen Krebs oder mit Alzheimer-Krankheit sind sie ein bisschen geschützt, aber auch nicht alle Familien, aber mit den Herz-Kreislauferkrankungen und auch Diabetes sind sie ein bisschen besser geschützt.

00:11:32: Barbara Strobl Also im Endeffekt ist es vor allem wichtig, dass man Gene hat, die vor häufigen Alterserkrankungen schützen?

00:11:39: Prof. Joris Deelen Ja, die Menschen haben in vielen Fällen noch dieselben Umgebungsfaktoren, die auch die Krankheiten beeinflussen. Aber wenn sie geschützt sind, durch genetische Prozesse, kann das sein, dass die Umgebungsfaktoren nicht so einen großen Einfluss haben. Und viele Menschen sagen immer, ah, Rauchen ist nicht so schlecht. Jeanne Marie Calment war auch ein Raucher, aber sie war sehr glücklich, dass sie keine Effekte haben von das Rauchen. Das ist immer noch sehr interessant, wie sie sich geschützt hat gegen diesen Effekt von Rauchen. Rauchen ist so schlecht, aber wir sehen auch, ganz viele langlebige Menschen, die auch Rauchen nicht gut essen, nicht genug bewegen, aber immer noch alt werden. Aber wir wissen auch wenn wir nicht Rauchen, gute Ernährung, viel Bewegung machen, dann werden Menschen auch älter. Und die Frage dann, sind da noch Mechanismen, die man nicht durch Lebensstil beeinflussen kann, wofür wir dann zum Beispiel Medikamente machen können, um das auch zu verbessern? Aber die Frage kommt immer, so was kann ich selbst machen? Da sag ich immer: Nicht Rauchen, gut essen, viel bewegen, guter Schlaf ist sehr wichtig. Und dann hoffen wir, dass die Genetik noch etwas extra bringt.

00:12:51: Barbara Strobl Wie kann man denn eigentlich diese Umwelteinflüsse – denen wir ja allen auch ausgesetzt sind - und die Genetik in der Forschung trennt. Die Zwillingsstudien haben Sie jetzt auch vorher schon erwähnt. Aber was gibt es denn sonst noch für Methoden?

00:13:05: Prof. Joris Deelen Immer wenn wir etwas entdecken bei den Menschen, können wir nicht sagen, dass das kausal ist. So, wir können nicht beweisen, dass diese Varianten auch tatsächlich die Lebensspanne von diesen Menschen beeinflusst hat. Darum nützen wir die zellulären Modelle und auch Mäuse, um dann zu untersuchen, wenn wir diese Variante in die Mäuse oder die zellulären Modelle einbringen, wie sie dann funktionieren und ob das auch schützt gegen, zum Beispiel, Stress. Oder ob sie die Lebensspannen von den Mäusen, oder die Gesundheitsspannen – das ist immer wichtiger würde ich sagen – verlängern. Wir probieren das dann durch diese Mäuse und zellulären Modelle herauszufinden, ob diese Varianten dann auch tatsächlich etwas machen, das gut sein könnte für die Langlebigkeit. Es kann auch sein, dass wir etwas finden, aber dass das nur ein Zufallsbefund ist. Und das wenn wir das in ein zelluläres Modell oder eine Maus einbringen, dass das keinen Effekt hat. Aber was wir sehen, ist das ganz viele von diesen Varianten, die wir entdeckt haben, die seltenen genetischen Varianten, wenn wir die in ein zelluläres Modell oder eine Maus einbringen, dass sie auch tatsächlich einen Effekt haben auf die Gesundheit von diesen Zellen oder auf die Gesundheit von diesen Mäusen. Das hat auch einige Nachteile, zum Beispiel Mäuse sind ganz anders wie Menschen, so das kann immer noch so sein, dass wir eine Variante haben, die etwas macht im Mensch, aber wir sehen das nicht in den Mäusen. Wenn wir etwas in den Mäusen sehen, dann ist das natürlich ein bisschen ein stärkerer Beweis, dass das auch tatsächlich etwas machen kann.

00:14:38: Barbara Strobl Sie haben jetzt gerade auch die Gesundheitsspanne erwähnt, wie wird denn die definiert und wie kann man die in der Forschung auch berücksichtigen?

00:14:47: Prof. Joris Deelen Ja, das ist eine gute Frage, das ist auch in der Forschung keine Eindeutigkeit über diese Definition. So wir sagen, die Gesundheitsspanne ist die Zeit, die man lebt, ohne altersbedingte Krankheiten. Man ist zum Beispiel 75 und hat noch keine altersbedingte Krankheiten, dann ist die Gesundheitsspanne 75 Jahre. Wenn du eine Krankheit entwickelst mit 50 Jahren, dann ist die Gesundheitsspanne nur 50 Jahre. Wir probieren in dieser Weisen mitzunehmen, dass Menschen auch altersbedingte Krankheiten entwickeln. Wir hoffen, dass wir die Gesundheitsspanne länger machen können, dass sie am Ende so lang wie die Lebensspanne wird. Wir wissen immer noch, am Ende des Lebens bekommt man immer Krankheiten, aber wir würden diese Spanne zwischen die Gesundheitsspanne und die Lebensspanne so kurz wie möglich machen, dass man so lang wie möglich gesund lebt. Aber was wir auch sehen, ist, dass in die langlebigen Menschen auch die Gesundheitsspanne normalerweise länger ist. Die Gesundheitsspanne und die Lebensspanne sind auch vernetzt miteinander. Durch die Lebensspanne zu untersuchen, können wir indirekt auch die Gesundheitsspanne untersuchen.

00:15:59: Barbara Strobl Kommen wir noch einmal kurz zurück zu den Genen, die erwiesenermaßen mit der Alterung zu tun haben, also zum Beispiel APOE, wenn ich das richtig verstanden habe, wenn man die gute Variante hat, dann schützt das unter anderem vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Kann man jetzt dieses Wissen nutzen, um Medikamente oder Anti-Aging-Mittel zu entwickeln?

00:16:23: Prof. Joris Deelen Ja, das ist auch eine Frage, die wir immer bekommen und was man machen kann, um zu schützen gegen diese negativen Effekten von dem APOE ε4 Allel, zum Beispiel, ist das man ein bisschen weniger Cholesterin isst. So das ist ein Cholesterin-Transporter und was wir sehen ist, dass das nicht gut funktioniert in Menschen mit diesem ε4. Dann kann man sagen, „ah, dann machen wir das mit einer Diät, dann machen wir weniger Cholesterin“, aber das würde ich sagen ist immer gut. Viele Menschen essen zu viel Cholesterin. So, wir können nicht sagen, dass man, wenn man diese Variante trägt, dass man etwas anders machen kann, wie normale Menschen. Normaler Menschen können das auch machen, um gesünder zu sein. So kann man sich ein bisschen schützen gegen die Effekte von diesen Varianten, aber wir haben keine Medikamente in diesem Moment, die direkt auf das APOE-Gen funktionieren und dann das wieder normal machen. Und auf der anderen Seite haben wir dann das protektive Allel, das ε2, aber auch da wissen wir noch nicht, wie wir das auf eine günstige Weise beeinflussen können, dass auch normaler Menschen dieselben Effekte bekommen, wie man bekommt, wenn man das APOE ε2 Allel tatsächlich hat. Und das macht das immer auch schwierig, dass wir noch keine pharmakologischen oder auch Lebensstilinterventionen haben, die dasselbe machen können, wie diese genetische Variante. Die Hoffnung ist, dass wir das in Zukunft machen können, aber im Moment ist das noch nicht möglich.

00:17:52: Barbara Strobl Auf gewisse Weise wärs ja wahrscheinlich fast einfacher für einzelne Leute, wenn man das medizinisch regeln kann und nicht seinen eigenen Lebensstil anpassen muss.

00:18:01: Prof. Joris Deelen Ja, ja. Und mit vielen Krankheiten ist das auch der Fall, dass da Varianten sind, die Proteine auf eine Weise zu beeinflussen, dass das vielleicht funktioniert. Und dann machen wir ein Medikament, das das wieder normal macht. Aber mit der Alterung ist das nicht so einfach. Das ist ein komplexer Prozess, also wir erwarten nicht, dass da ein Medikament sein würde, dass alles gleichzeitig beeinflussen kann. Das würde wahrscheinlich eine Kombination sein von unterschiedlichen Prozessen, die man beeinflussen muss, um länger gesund leben zu können.

00:18:31: Barbara Strobl Ich würde dann noch gerne kurz zu dem Thema Ethik kommen. Was sind denn die wichtigsten ethischen Fragen, die die Forschenden in ihrem Fachgebiet zurzeit beschäftigen?

00:18:41: Prof. Joris Deelen Wir bekommen immer viel die Fragen, würde man die Menschen länger leben lassen? Ist das gut für die Umwelt und dass wir auch im Moment ein Problem haben, dass wir viele alte Menschen haben. Aber unser Ziel ist nicht Menschen länger leben zu lassen, unser Ziel ist Menschen länger gesund leben zu lassen. Und wenn man länger gesund lebt, ist der Beitrag auch besser. Was wir hoffen, ist, dass die Menschen mehr beitragen können zur Gesellschaft.

00:19:05: Barbara Strobl Und welche Entdeckungen aus der Altersforschung in den letzten Jahren hat sie persönlich am meisten überrascht?

00:19:12: Prof. Joris Deelen Die Erwartung war, dass wenn wir die ganz großen Studien gemacht haben, so mit 10.000 langlebigen Menschen, dass wir dann mehrere genetische Varianten finden können, die beitragen zur Alterung. Und nur APOE kam da raus, aber ganz stark. Und FOXO3 ist auch nicht so stark wie APOE zum Beispiel, aber wir haben das auch in mehreren Studien gefunden. Und das hat mich überrascht, dass wir nur diese 2 Gene haben, die beitragen. Und darum mache ich meine Forschung im Moment in die Richtung, dass wir nach den seltenen genetischen Varianten gucken. Das hat mich ein bisschen überrascht. Ich habe erwartet, dass wir mehr von diesen Varianten haben, die auch in die normale Population sind, die schützen gegen Langlebigkeit. Aber das ist nicht der Fall im Moment.

00:19:56: Barbara Strobl Das heißt, die Idee ist, dass je nach Familie es unterschiedliche Gene oder Genvarianten gibt, die schützen?

00:20:03: Prof. Joris Deelen Das kann pro Familie sein, aber ich erwarte nicht, dass jede Familie eine andere Variante hat, aber dass die seltene Variante nur in 2 oder 3 oder 5 oder 6 Familien da ist, so dass es nur kleine Gruppen sind. Die Idee dahinter ist, dass die Varianten anders sind, aber was dann durch die Varianten mechanistisch passiert, dasselbe ist. So zum Beispiel, was wir auch sehen, wir haben dann in unseren langlebigen Familien unterschiedliche Varianten gefunden, in unterschiedlichen Familien. Wir machen dann zelluläre Modelle mit diesen Varianten. Und was wir dann sehen, ist, dass diese Varianten dieselben Mechanismen beeinflussen, auf dieselbe Weise. Die Varianten sind anders, und auch die Gene, worin die Varianten sich befinden sind anders. Aber die Mechanismen, die sie anschalten oder ausschalten, sind dasselbe. So wir erwartet da sind nur, zum Beispiel, 5 / 6 Mechanismen, wie man alter machen kann, und wie man die beeinflusst, das kann unterschiedlich sein zwischen Menschen. Aber der Endeffekt ist dasselbe, dass diese Mechanismen auf einer Weise beeinflusst wurden, die gut ist für die Gesundheit.

00:21:12: Barbara Strobl Könnten Sie vielleicht Beispiele nennen, was für eine Art von Mechanismen Sie meinen?

00:21:16: Prof. Joris Deelen Ja, zum Beispiel der Insulin-Signalweg, das ist ein sehr wichtiger Signalweg in unserem Körper. Und das ist auch, zum Beispiel in Mäusen und in Würmern, so das ist evolutionär ein ganz gut konservierter Signalweg. Was wir dann sehen, ist, wenn wir diesen Signalweg auf eine spezielle Weise beeinflussen, dass das gut ist für die Langlebigkeit. Unsere genetischen Varianten können das, aber wir können das auch machen mit pharmakologischen Interventionen, wie Rapamycine oder andere Drogen und auch mit Faktoren, die kommen von dem Lebensstil. Zum Beispiel, mit der Ernährung können wir auch diesen Signalweg auf dieselbe Weise beeinflussen. So, das sind alles unterschiedliche Weisen, wie man diesen Signalweg beeinflusst, aber im Endeffekt, dass diesen Signalweg ein bisschen langsamer funktioniert, das bringt dann das Gute für die Lebensspanne oder die Gesundheitsspanne.

00:22:12: Barbara Strobl Also im Endeffekt, es ist nicht so wichtig, welche Gene oder Genvarianten man hat. Hauptsache der Körper hat Mechanismen, um vor bestimmten Krankheiten im Alter zu schützen.

00:22:23: Prof. Joris Deelen Richtig, wir sind auf der Suche nach den Mechanismen durch die genetischen Varianten. Die exakte genetische Variante, das ist für uns minder interessant, was für uns interessant ist, wie die dann tatsächlich funktionieren.

00:22:36: Barbara Strobl Ich will sonst gerne kurz noch einen kleinen Exkurs weg von der Humangenetik machen und einen kurzen Blick in die Tierwelt werfen. Es gibt ja einige Tierarten, die besonders alt werden, also zum Beispiel Wale, Vögel - am bekanntesten sind die Schildkröten. Warum werden diese Tiere so alt und kann man von der Genetik dieser Tiere was für die Menschen lernen?

00:22:57: Prof. Joris Deelen Ja, da wird auch viel daran gearbeitet und ein Beispiel ist der Nacktmull, die hat auch mehrere Mechanismen, die schützen gegen die Alterung. Der Nacktmull ist evolutionär, ganz ähnlich wie Mäuse, aber er lebt 10-mal wie Lange. Er lebt über 40 Jahre und Mäuse normalerweise maximal 4 Jahre. Und wir denken, dass der Nacktmull sich schützt durch gute Reparatur von DNA-Schaden. Das ist ein Faktor, den wir ganz viel finden in diesen langlebigen Tieren, dass sie eine gute Funktionierung haben von Reparatur von DNA-Schaden. Und an dem Nacktmull hat man dann gefunden, das heißt auch das cGAS-Gen, dass das anders ist, wie in einem Menschen oder wie auch in einer Maus, und dass das extra gut diesen DNA-Schaden reparieren kann. Und dann die Frage ist, wenn wir das dann auch in den Menschen machen würden, würde das auch so funktionieren? Das wissen wir nicht, das können wir auch nicht machen im Moment, wir können das nicht nachmachen, aber wir hoffen, dass das in die Zukunft kann. Und in den anderen Tiermodellen, wie dem Wal zum Beispiel, ist es auch so, dass sie spezifische Gene haben, die so modifiziert sind, dass sie anders sind, als die Gene in Menschen oder auch in Mäusen, und dass sie dadurch besser funktionieren. Oder dass sie mehrere Kopien von diesen Genen haben in das Genom, dass sie auch besser Protektion haben gegen DNA-Schaden. So, DNA-Schaden ist einer von diesen Faktoren, die nach vorn kommt. Das Zweite ist auch die Immunität. So, zum Beispiel, wir haben auch langlebige Fledermäuse, da sind Fledermäuse, die leben nur 1, 2 Jahre, und da sind Fledermäuse, die leben über 30 Jahre, wenn die dann auch miteinander vergleicht, sieht man auch, dass in diesen Fledermäusen, die lang leben, die Immunität ganz gut reguliert ist. So, sie sind ganz gut geschützt gegen Infektionen, zum Beispiel.

00:24:50: Barbara Strobl Dann kommen wir langsam auch Richtung Abschluss. Ich möchte am Schluss noch einen Blick in die Zukunft werfen. Was ist denn eine offene Frage, die Sie mit Ihrer Forschung noch beantworten möchten?

00:25:00: Prof. Joris Deelen Die offene Frage, die ich habe, sind da noch Mechanismen, die wir noch nicht entdeckt haben, auch nicht in Tieren, die beitragen zur Langlebigkeit von Menschen. Im Moment finden wir ganz viele Mechanismen, die wir auch in Tiermodellen gefunden haben, aber wir wissen auch, dass der Mensch ganz anders altert, wie viele Tiere. Die Idee ist: wir müssen auch protektive Mechanismen haben, die vielleicht nicht in Tieren bekannt sind. Meine Hoffnung ist, dass wir in den kommenden Jahren diese Mechanismen auch tatsächlich finden können. Das wird schwierig sein, aber meine Hoffnung ist, dass wir durch bessere Methodik zum Beispiel auch neue Mechanismen entdecken können, die beitragen an der Langlebigkeit.

00:25:43: Barbara Strobl Ganz herzlichen Dank für das spannende Gespräch, Professor Deelen. Das war der Code des Lebens produziert von GHGA, dem Deutschen Humangenom-Phänomarchiv. Bis zum nächsten Mal.

Über diesen Podcast

Der Code des Lebens – der Wissenschaftspodcast von GHGA beschäftigt sich mit verschiedenen Aspekten der menschliche Genomforschung. Obwohl wir 99% unseres Erbgutes (=unserer Gene) miteinander teilen, machen die kleinen Unterschiede uns zu dem was wir sind. Doch wie ist unser Erbgut eigentlich entstanden? Wie funktioniert Genomforschung und wie beeinflussen unsere Gene unser tägliches Leben? Diesen Fragen und mehr geht “Der Code des Lebens” auf den Grund. Zuhörende benötigen kein spezielles Vorwissen um in die faszinierende Welt der Gene einzutauchen.

Dieser Podcast wird präsentiert von GHGA – dem deutschen Humangenom-Phenom Archiv. Wir entwickeln eine Infrastruktur, in welcher humane Genomdaten sicher gespeichert und kontrolliert für die biomedizinische Forschung zugänglich gemacht werden können. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert und ist Teil der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI).

Podcastlizenz: CC-BY

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