Der Code des Lebens

Der Code des Lebens

Transkript

Zurück zur Episode

00:00:00: Annika Henner Genetische Daten können dabei helfen, Krankheiten besser zu verstehen und Therapien gezielter zu entwickeln. Gleichzeitig gehören sie aber auch zu den persönlichsten Informationen, die es über einen Menschen gibt. Zwischen medizinischem Fortschritt und dem Schutz der Privatsphäre entsteht ein Spannungsfeld, das wir heute genauer beleuchten wollen. Willkommen zu einer neuen Folge von „Der Code des Lebens“. Mein Name ist Annika Henner und ich spreche hier jeden Monat mit spannenden Gästen aus der Welt der Genomforschung. Ab dieser Folge übernehme ich die Moderation von Barbara Strobl. Ich freue mich darauf, diesen Podcast weiterzuführen und viele interessante Menschen und Forschungsthemen kennenzulernen. Mein heutiger Gast ist Dr. Vanessa González Ribao. Vanessa ist promovierte Linguistin und arbeitet beim Deutschen Humangenom-Phänomarchiv als Koordinatorin für Training mit Fokus auf Datenschutz. Sie hat über viele Jahre hinweg an der Entwicklung von verschiedenen Datenbanken mitgewirkt und ist Expertin für wissenschaftliche Dateninfrastrukturen. Ihre Aufgabe ist unter anderem, Schulungen zum Thema Datenschutz zu entwickeln und so zu Sicherheit aller an der Forschung Beteiligten beizutragen. Vanessa, hallo und herzlichen Dank, dass du heute dabei bist.

00:01:15: Dr. Vanessa González Ribao Hallo Annika, vielen Dank, dass ich hier sein darf.

00:01:19: Annika Henner Vanessa, du hast einen Doktortitel in Sprachwissenschaften. Wie kommt man denn von der Linguistik zu der Arbeit an Datenbanken oder noch genauer: zur Arbeit am Schutz von Genomdaten?

00:01:31: Dr. Vanessa González Ribao Ja, das ist eine lange Geschichte, aber ich versuche es kurz zu machen. Die Begründung ist aber relativ kurz. Also als Sprachwissenschaftlerin habe ich in Forschungsprojekten gearbeitet, die Sprachen untersucht haben, mit dem Ziel, Menschen zu helfen, diese Sprachen zu erwerben oder besser zu nutzen. Zum Beispiel, einmal wollten wir herausfinden, welche Fehler immer wieder gemacht werden, wenn man Deutsch lernt, sowie wann und wie und warum diese Fehler passieren. Am Ende konnten wir Lernmaterialien erstellen, die genau die bestimmten Fehler adressieren, die bestimmte Gruppen von Lernenden normalerweise machen. Davor haben wir Aufnahmen von Vorträgen und Gesprächen analysiert und Texte aus Aufsätzen und Chatunterhaltungen untersucht. Das alles meistens aus dem Unterrichtsraum. Und natürlich – diese Texte und diese Aufnahmen sind Sprachdaten von den Lernenden. Hätten die Lernenden ihre Daten nicht mit uns geteilt, hätten wir die Forschungsfrage nicht mehr beantworten können. Also nun kurz zu der Frage, wie man von der Forschung zum Datenschutz kommt: Ohne Forschungsdaten gibt es keine Forschung. Deswegen steht die Forschung in der Pflicht, mit diesen Daten verantwortungsvoll umzugehen und diese Daten zu schützen. Das ist ein Datenschatz. Ja, und das ist in der Medizinforschung nicht anders als in der Sprachforschung oder andere Felder. Die Krebsforschung zum Beispiel braucht Gesundheitsdaten und genetische Daten, um ihre Fragen zu beantworten.

00:03:14: Annika Henner Dann starten wir doch mal inhaltlich rein. Was sind denn eigentlich genau genetische Daten?

00:03:21: Dr. Vanessa González Ribao Genetische Daten sind Daten, die Informationen über das Erbgut und mögliche genetische Merkmale eines Menschen enthalten. Die Genomforschung untersucht diese Daten, um die genetischen Informationen besser zu verstehen und zum medizinischen Wissen beizutragen.

00:03:39: Annika Henner Und inwiefern unterscheiden sich genetische Daten von anderen Gesundheitsdaten? Warum sind sie so besonders schützenswert?

00:03:46: Dr. Vanessa González Ribao Gesundheitsdaten sind die Daten, die auf körperliche oder geistige Gesundheit eines Menschen beziehen. Und die genetischen Daten können auch Gesundheitsdaten sein. Sagen wir mal, genetische Daten sind wie eine Untergruppe in den allgemeinen Gesundheitsdaten, denn sie können Informationen über den Gesundheitszustand auch liefern. Sowohl allgemeine Gesundheitsdaten als auch genetische Daten werden meist in zwei eng miteinander verzahnten Bereichen erhoben. Also zum einen die Versorgung, wenn man untersucht wird zum Beispiel, und die Forschung. Das heißt, die Daten entstehen direkt bei der Untersuchung, Behandlung oder Vorsorge oder werden gezielt im Rahmen von klinischen Studien oder Forms des Projektes erhoben. Und der Unterschied liegt an den Datentypen. Also zum Beispiel ein Blutbild kann einiges über eine Person sagen, aber anhand von den Blutwerten allein kann ich nicht bestimmen, wem gehört dieses Blutbild. Also ein Zuckergehalt sagt mir nicht, zu wem dieses Blut gehört. Wenn ich den Namen, Geburtsdatum und Krankenkassennummer zum Beispiel aus der Akte entferne, trenne ich auch die Verbindung zu der Person. Dann habe ich bestimmte Werte, aber ich weiß nicht, zu wem das gehört. Das kann ich zum Beispiel mit genetischen Daten nicht machen. Über das Erbgut hingegen kann ich eine direkte Verbindung zu der Person erstellen. Meine genetischen Daten sind wie ein 1a digitaler Fingerabdruck, die immer zu mir und meinen Verwandten führen. Das kann ich nicht trennen.

00:05:35: Annika Henner Ja, das klingt ja nach sehr sensiblen Daten und wir wollen jetzt hier über Datenschutz sprechen. Von daher natürlich die Frage, welche Gesetze und Richtlinien regeln denn in Deutschland den Umgang mit genetischen Daten?

00:05:49: Dr. Vanessa González Ribao Ja, da müssen wir… es gibt viele eigentlich, müssen wir quasi unterschiedliche Schichten da erkennen. Zum Beispiel wir haben die europäische Ebene, das ist die Datenschutz-Grundverordnung und das regelt alles dann im europäischen Rahmen. Also diese Daten, von denen wir sprechen, Gesundheitsdaten und genetische Daten, wir haben gesagt, die sind Daten, die direkt sich auf Personen beziehen. Das heißt im Gesetzestext, das sind „personenbezogene Daten“. Und es ist grundsätzlich verboten, diese Daten zu betrachten oder damit zu arbeiten. Wir brauchen eine rechtliche Begründung und dieses Gesetz gibt uns sechs Möglichkeiten, sechs rechtliche Begründungen, sechs Kontexte, wo wir das machen können. Einer davon ist zum Beispiel die Einwilligung. Also die Personen, die diese Daten mit uns teilen, zum Beispiel in der Forschung, die geben ihre Einwilligung und oder ihr Einverständnis, dass diese Daten da genutzt werden. Auch im Gesetz sind die Schutzmaßnahmen beschrieben und andere Maßnahmen, wie man mit diesen Daten und in welchem Kontext wir arbeiten sollten und was sollten wir machen, um diese Daten zu schützen. Dann haben wir… dann gehen wir zu Deutschland lokal, deutschlandweit und dann haben wir den Bundesdaten[schutz]gesetz und das ist spezifisch für Deutschland, vor allem regelt das so die Liste von Ausnahmen und auch Bußgelder oder Strafen, die da fallen, wenn das Gesetz auch nicht im europäischen Rahmen eingehalten wird. Und dann gezielt für genetische Daten haben wir ein Gendiagnostikgesetz und das regelt die Voraussetzung und Grenzen, wann man genetische Daten nutzen darf für die Forschung.

00:07:54: Annika Henner Okay, wir haben jetzt sehr ausführlich über die DSGVO gesprochen. Wie sieht es denn aus, wenn wir über die EU hinausschauen, wenn Daten über Europa hinausgehend international geteilt werden sollen?

00:08:07: Dr. Vanessa González Ribao Ja, wie erwähnt die Datenschutz-Grundverordnung, das ist hier wieder Stichwort, auch nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch europaweit und auch wenn wir international Daten teilen wollen. Um bestimmen zu können, wie weit sich die Reichweite der Datenschutz-Grundverordnung streckt, müssen wir uns erstmal zweierlei kritische Fragen stellen. Und die erste wichtige Frage lautet: Wem gehören diese Daten? Wir erinnern uns daran, dass die Datenschutz-Grundverordnung sich nicht auf alle Daten im Allgemeinen bezieht, die Verordnung bezieht sich auf personenbezogene Daten und im Konkreten bezieht sie sich auf Daten von Personen, die in der Europäischen Union oder im europäischen Wirtschaftsraum leben, auch wenn die Daten außerhalb der Europäischen Union oder dem europäischen Wirtschaftsraum bearbeitet oder verarbeitet werden. Angenommen eine Universität in Australien macht Krebsforschung mit genetischen Daten von Menschen, die in Spanien und Deutschland leben. Da greift die Datenschutz-Grundverordnung. Also das bedeutet, diese Daten werden durch diese Verordnung geschützt und die Australianische Universität muss Datenschutz-Grundverordnungs-konform arbeiten mit diesen Daten. Denn wenn die Daten Menschen, die in Spanien und Deutschland leben, gehören, das bedeutet, dass die Daten in der Europäischen Union erhoben wurden, also in der Europäischen Union erst mal bearbeitet wurden. Und das führt uns zu der zweiten kritischen Frage: Wo wird mit personenbezogenen Daten gearbeitet? Und jede Person, jede Institution, Organisation oder Firma mit Sitz in der Europäischen Union oder im europäischen Wirtschaftsraum, ist an die Datenschutz-Grundverordnung gebunden, wenn sie mit personenbezogenen Daten arbeiten. Also eine deutsche Uni zum Beispiel, die auch Krebsforschung macht, stellen wir uns vor, mit genetischen Daten von Menschen aus europäischen Ländern außerhalb der Europäischen Union oder von Menschen aus Amerika oder Afrika. Die müssen auch Datenschutz-Grundverordnung… also die Uni muss auch Datenschutz-Grundverordnungs-gemäß arbeiten. Also das bedeutet, dass diese Daten von diesen Menschen auch von der Datenschutz-Grundverordnung geschützt werden. Und jetzt haben wir den Schutzumfang von der DSGVO geklärt. So, jetzt kann ich vielleicht ein Beispiel nennen, wie die Datenschutz-Grundverordnung das Teilen von Daten oder die Datenübertragung regelt, also die personenbezogenen Daten von A zu B bewegt werden. Normalerweise, zum Beispiel in dem konkreten Fall von der Einwilligung, wenn jemand sich freiwillig erklärt, dass man… wir die Daten nutzen können, wir können die Daten innerhalb Deutschlands nutzen, aber auch europaweit, weil dieselben Regeln gelten und dieselben Schutzmaßnahmen. Wenn wir mit dritten Ländern teilen, normalerweise haben wir auch Standardabkommen, also es gibt Länder, mit denen wir ein Abkommen haben, zum Beispiel die Schweiz. Dann sind Länder, die dieselben oder sehr, sehr ähnliche, vergleichbare Schutzmaßnahmen einhalten, so wie in der Datenschutz-Grundverordnung vorgeschrieben wird. Für andere Ländern vielleicht haben wir nicht direkt Abkommen mit den Ländern, aber haben wir auch andere Art zum Verträge [Schließen] mit bestimmten Institutionen, die versichern, dass die Daten so behandelt werden, wie europaweit gewünscht ist und gemäß der Datenschutz-Grundverordnung.

00:12:40: Annika Henner Wie sieht denn die konkrete Ausgestaltung von diesen ganzen Gesetzen aus? Also welche Maßnahmen werden im Rahmen der DSGVO umgesetzt? Kannst du ein Beispiel nennen?

00:12:50: Dr. Vanessa González Ribao Ja, also wir haben schon erwähnt, dass man eine rechtliche Grundlage braucht, ohne das kann man mit den Daten nicht arbeiten, nicht forschen. Und einmal wir personenbezogene Daten haben, wie zum Beispiel genetischen Daten, dann gibt es bestimmte Richtlinien, es gibt die sogenannten Datenschutzverordnungs-Prinzipien, die regeln, wie man mit diesen Daten arbeiten sollte. Eines von den wichtigen Prinzipien ist, dass man so wenige personenbezogene Daten nutzen soll, wie möglich. Also man stellt sich immer die Frage, welche Daten brauche ich für meine Forschung, wenn ich zum Beispiel nicht den Namen von der Person brauche, um meine Forschung durchzuführen, dann soll ich das entfernen von meiner Akte, von meiner Quelle von Daten oder einfach nicht mal erheben. Diese Entfernung von direkten personenbezogenen Daten, diese Daten, die zu uns direkt führen, wie dem Namen oder der Krankenkassennummer etc., das nennen wir „Anonymisierung“, also wie bei dem Beispiel von dem Blutbild, dann trennen wir diese Daten und wenn die Verbindung zwischen diesen Daten und den genetischen Daten, dem Blutbild, die jedem gehören könnten, nicht mehr herzustellen ist, dann sagen wir, es sind anonyme Daten und das ist, was das Gesetz will. Leider können wir nicht immer mit anonymen oder anonymisierten Daten arbeiten. Manchmal brauchen wir auch, um bestimmte Forschungsfragen zu beantworten, diese Informationen in den Daten, die direkt zu einer Person führen könnten. Deswegen für die Nutzung in der Forschung werden manchmal Daten nicht anonymisiert, sondern pseudonymisiert. Und den Unterschied erkläre ich gleich anhand unserem bekannten Beispiel: Blutbildwerte. Wir haben von unseren Blutbildwerten, haben wir Namen, Anschrift und Krankenkassennummer entfernt und dann, wenn wir diese Daten löschen und nur die Blutwerte bleiben, dann sind die Blutwertedaten anonym bzw. anonymisiert. Jetzt nehmen wir an, dass wir diese Daten, Namen, Anschrift, Krankenkassennummer brauchen oder in einem späteren Zeitpunkt brauchen werden. Wir können das nicht löschen. Was machen wir denn? Wir speichern beide Daten getrennt, weiterhin getrennt, also wir haben zwei unabhängige Dokumente, die wir getrennt in unterschiedlichen Datenbanken speichern. Aber wir vergeben dem einen Dokument mit dem Namen eine Kennung und dem anderen Dokument mit den Blutwerten dieselbe Kennung. Die Daten sind getrennt, aber wir behalten eine Verbindung. Diese Blutwerte, die nennen wir jetzt pseudonymisierten Daten. Allein können nicht zu der Person zugeordnet werden, aber wenn irgendjemand die Kenntnisse und Mittel hat, diese Kennung zu nutzen, richtig zu nutzen, dann kann man wieder die Daten zusammensetzen und diese Daten können zu der Person führen. Deswegen sind pseudonymisierte Daten weiterhin personenbezogene Daten. Und darüber hinaus gibt es auch Daten, die vom Datentyp her eigentlich… bei diesen Daten eigentlich immer die Möglichkeit besteht, dass diese Daten zu der Person führen könnten. Das ist das Beispiel von dem Fingerabdruck. Wenn ich jetzt meinen Finger in einem Zettel einen Abdruck mache, ich brauche auch in diesem Stück Papier nicht meinen Namen oder Anschrift schreiben. Denn allein mit diesem Abdruck besteht die Möglichkeit… es gibt Menschen Institutionen, die die Kenntnisse und Mittel haben um diesen Abdruck abzulesen, analysiert, diese Daten oder die Ergebnisse mit anderen Daten aus anderen Datenbanken, abgleichen, zusammensetzen und diesem Fingerabdruck kann wieder zu meiner Person zugeordnet werden. Und wir erinnern uns ja, also am Anfang des Interviews habe ich schon erwähnt, dass genetische Daten eine Art einzigartiger digitaler Fingerabdruck sind. Und deswegen ist es bei den genetischen Daten so, dass obwohl wir auch weitere personenbezogene Daten wie Namen, Alter etc. von den genetischen Daten trennen, die genetischen Daten können trotzdem, also es besteht weiterhin potenziell die Möglichkeit, dass diese Daten zu mir und zu meinen Verwandten führen. Deswegen müssen wir in der Forschung mit diesen Daten so arbeiten, wie sie sind, also weiterhin hochsensibel und dabei kann uns die Datenschutz-Grundverordnung helfen. Was können wir so machen und was sagt uns das Gesetz, das wir machen sollen? Wir sollen diese Daten schützen, indem wir zum Beispiel die verschlüsseln, wenn wir diese Daten teilen und zum anderen Projekt bewegen, sollten die verschlüsseln, über gesicherte Kanäle gehen und wenn man mit diesen Daten direkt arbeitet, da gibt es geschützte Umgebungen, die technische und auch organisatorische Maßnahmen einführen, sodass die Daten untersucht werden können mit einem Minimum Risiko, dass die Person wieder identifizierbar ist. Dann gibt es auch weitere Kontrolle, wie nicht jeder kann zu allen Daten zugreifen, das gibt es physische und digitale Kontrolle, damit nur bestimmte berechtige Personen mit diesen Daten arbeiten können, zum Beispiel.

00:19:14: Annika Henner Bis hierher haben wir sehr allgemein über Datenschutz und den Schutz von Gesundheits- und Genomdaten gesprochen. Schauen wir als konkretes Beispiel auf das Deutsche Humangenom-Phänomarchiv, kurz GHGA. Dort bist du als Koordinatorin für Training mit Fokus auf Datenschutz tätig und dieser Podcast hier wird ja auch von GHGA produziert. Kannst du einmal kurz erklären, was GHGA genau ist bzw. macht?

00:19:42: Dr. Vanessa González Ribao GHGA ist eine sichere Forschungsplattform in Deutschland, die genetische Daten speichert und für wissenschaftliche Zwecke zugänglich macht. Wir können es so sehen, dass GHGA wie eine Art Vermittler fungiert, ein Vermittler zwischen den Einrichtungen, die die Daten erheben und den Forschenden, die diese Daten für ihre Arbeit nutzen möchten. Was rechtlich, aus rechtlicher Sicht wichtig ist: GHGA besitzt die Daten nicht. Die rechtliche Verantwortung bleibt bei den Einrichtungen, die diese Daten erhoben haben. Was macht dann GHGA? Was ist die Verantwortung? GHGA ist verantwortlich für die technische Infrastruktur und sorgt dafür, dass die Daten sicher gespeichert und übertragen werden. Die Frage hier ist, wie gelangen die Daten bei GHGA oder in GHGA und was passiert dann? Zum ersten Schritt, bevor Daten in GHGA gelangen, werden sie von den einreichenden Einrichtungen, also die Einrichtungen, die diese Daten erhoben haben, die werden so vorbereitet, dass keine direkten sogenannten Identifikatoren erhalten sind, also dieses Stück Daten, die direkt zu den Menschen verbunden sind. Ansonsten werden die Daten sicher und verschlüsselt an GHGA übertragen und dort sicher gespeichert. GHGA setzt dabei moderne Sicherheitskonzepte ein und agiert immer gesetzeskonform. Zum Beispiel, wir nutzen den Zero-Trust-Prinzip. Das bedeutet, dass bei jedem Zugriff streng geprüft wird und unabhängig davon, ob dieser Zugriff auf die Daten von intern, also von innen kommt, oder von draußen erfolgt. Das führt uns zum zweiten Schritt. Also das bedeutet, dass die Forschenden können diese Daten nicht einfach so nutzen. Die Forschenden, die die Daten nutzen möchten und Zugriff auf die Daten möchten, sie müssen einen Antrag stellen, der von der datenverantwortlichen Einrichtung geprüft wird. Also die Einrichtungen prüfen diesen Antrag und was wird dabei bewertet. Zum Beispiel, ob das Projekt wissenschaftlich sinnvoll ist und ethisch vertretbar wird auch darauf geachtet, dass die Nutzung von den Daten durch die vorliegende Einwilligung der Teilnehmenden abgedeckt ist und natürlich, dass alles Datenschutz-Grundverordnungs-konform läuft. Und wenn das alles passt, dann wird ein Vertrag geschlossen und der Zugriff freigeschaltet. Und so – durch klare Nutzungszwecke, sichere Technik und eine Sicherheitskontrolle darüber, wer die Daten nutzen darf oder nicht – so verbindet GHGA moderne Forschung mit strengen europäischen und deutschen Datenschutzregeln.

00:23:06: Annika Henner Bei GHGA bist du dafür zuständig, Trainings zu konzipieren und umzusetzen, damit Forschende lernen, sicher mit Genomdaten umzugehen. Wie sieht sowas genau aus?

00:23:19: Dr. Vanessa González Ribao Also die Schulungen und Bildungsangebote, die ich entwickle und koordiniere, die können natürlich unterschiedlich aussehen. Die haben unterschiedliche Formate sozusagen. Gerade arbeite ich intensiv an der Entwicklung einer eLearning-Plattform, also damit man online lernen kann und das mache ich im Rahmen eines unabhängigen Trainingsprojekts, das heißt „ASSURED“. Und dieses Projekt bietet Training nicht nur für GHGA, sondern in allgemeinen Institutionen und Einrichtungen, die auch wie GHGA zu dem Nationalen Forschungsdateninfrastruktur gehören. Und da sind dabei Institutionen, die nicht nur mit genetischen Daten arbeiten, sondern auch allgemein medizinischen Daten, Gesundheitsdaten, soziopolitischen Daten oder Wirtschaftsdaten. Und ja, Annika, das hast du wahrscheinlich gerade eben schon bemerkt oder erraten, was alle diese Institutionen gemeinsam haben: Es ist, dass die alle arbeiten mit hochsensiblen Forschungsdaten. Deswegen sind unsere Forschungsangebote auf diese Daten… sind diese Daten im Fokus und auf diese Daten spezialisiert. Und wir haben natürlich unterschiedliche Zielgruppen. Dabei es gibt zwei Zielgruppen, die im Fokus von unseren Training… Trainingsangebote stehen. Und das ist zum einen die Forschenden, die mit diesen hochsensiblen Daten, Forschungsdaten arbeiten oder arbeiten wollen. Dazu gehören die Forschenden, die diese Anträge stellen, und zum anderen aber auch die Mitarbeitenden, die in diesen Forschungsdateninfrastrukturen arbeiten. Da gehören unterschiedliche Rollen und unterschiedlichen Tätigkeiten. Und die sind auch unsere Zielgruppe. Warum ist es wichtig, dass sowohl Forschende als auch anderen Mitarbeitenden genau diese Kenntnisse und Kompetenzen erwerben, die sie brauchen und mit diesen Daten verantwortungsvoll zu arbeiten? Es ist wichtig, weil diese Menschen sind keine Hochsensible-Daten-Management-Experten oder so was. Denn es gibt ja diesen Studium oder diese formale Fortbildung nicht. Es gibt kein etabliertes Studium oder Ausbildungsprogramm, die sowas beibringen. Normalerweise, diese Menschen sind von Haus her… die haben einen anderen Titel, haben andere Sachen studiert oder gelernt. Die Forschenden zum Beispiel, die in der Krebsforschung arbeiten, die sind eventuell Mediziner, die haben Medizin studiert und die sind keine Anwälte oder keine ethischen Experten. Und die Menschen, die in diesen geschützten Umgebungen arbeiten und für die technische Umsetzung von diesen Forschungsdatenzentren verantwortlich sind oder dabei involviert sind. Es gibt verschiedene Tätigkeiten, die sind auch keine Anwälte und die müssen auch diese Kenntnisse und Kompetenzen erwerben. Und zum Beispiel, die Forschenden müssen auch lernen, wie diesen sicheren Umgebungen funktionieren, was kann man machen, was nicht. Also über das Datenschutzgesetz hinaus oder die ethischen Bedenken und die Best Practices, um diese Forschungsdaten zu managen. Was vielleicht noch wichtiger ist für mich und eine sehr… also, die Botschaft, die wir mit unseren Fortbildungen vermitteln wollen, also über die Kenntnisse und Kompetenzen hinaus: Wir finden, es ist wichtig, dass alle Menschen, die mit hochsensiblen Forschungsdaten arbeiten, wirklich die Wichtigkeit dieser Daten erkennen, dass sie also sehr wichtig, essentiell für die Forschung und die Entwicklung sind, aber auch, dass die vor lauter Daten nicht vergessen, dass diese Daten zu Menschen gehören. Manchmal man sieht die Daten aber die Menschen dahinter nicht. Und deswegen, wenn die Leute sich daran erinnern, dann verstehen sie auch, warum das Gesetz da ist und das auch kein Hindernis ist, sondern tatsächlich das Gesetz versucht zu garantieren das Grundrecht auf ein Privatleben und eine geschützte Privatsphäre, das haben alle Menschen. Und das Gesetz ist dabei, um das zu garantieren und gleichzeitig aber uns dabei helfen… durch bestimmte Richtlinien und Maßnahmen und Hinweise dabei helfen, und ermöglichen, diese Daten für die Forschung sicher zu nutzen.

00:28:40: Annika Henner Angenommen, ich bin selbst Patientin und kann nun darüber entscheiden, ob ich meine Genomdaten, die bei bestimmten Untersuchungen erhoben worden sind, pseudonymisiert mit der Forschung teilen möchte oder nicht. Was muss ich wissen, um eine Entscheidung darüber treffen zu können?

00:28:56: Dr. Vanessa González Ribao Ja, das ist eine Frage, das ist eine sehr persönliche Frage, die ich eigentlich nicht beantworten kann für die Patientinnen. Was ich zum Beispiel empfehlen könnte aus meiner persönlichen Perspektive, ist, die Vorteile und Risiken von das Teilen abwiegen und zum Beispiel es gibt Informationsdienste oder Webseiten, die dabei helfen, eine informierte Entscheidung zu treffen und würde ich mich informieren, um eine informierte Entscheidung treffen zu können.

00:29:29: Annika Henner Falls ihr euch näher mit diesem Thema beschäftigen möchtet: Das Deutsche Humangenom-Phänomarchiv hat vor Kurzem das Informationsportal „Meine Genomdaten. Teilen und Helfen“ gelauncht. Dort finden Patient:innen verständliche Informationen darüber, was das Teilen von Genomdaten für die Forschung bedeutet und welche Chancen aber auch welche Fragen damit verbunden sind. Den Link dazu findet ihr natürlich in den Shownotes.

00:30:03: Dr. Vanessa González Ribao Aus gesetzlicher Perspektive bei den Risiken muss man vielleicht gucken, es gibt Schutz von dem Gesetz, zum Beispiel es gibt eine Informationspflicht, also wenn man in einer Studie teilnimmt, bevor man sich deine Daten… sich überlegt die Daten zu teilen, man soll ausgiebig informiert werden, welche Forschungspläne gibt es, was passiert mit meinen Daten und darüber hinaus, wenn man die Einwilligung unterzeichnet, also wenn man einverstanden ist, dass die Daten für die Forschung benutzt werden, dann behalten die Patientinnen dank Gesetz auch ein gewisses Bestimmungsrecht, das da bei der Einverständniserklärung auch manchmal festgehalten wird, aber auch die Rechte. Also in Kapitel 3 von der Datenschutz-Grundverordnung, da gibt es eine Liste von Rechten, die zum Beispiel mir das Recht gibt, immer nachzufragen, welche Daten von mir verwendet werden und was passiert mit diesen Daten. Ich soll informiert werden, wie lang diese Daten gespeichert werden oder mit wem die geteilt werden. Ich habe auch ein Recht, dass wenn diese Daten nicht korrekt sind oder nicht vollständig, diese Daten sollten korrigiert werden und vollständig gemacht. Natürlich, ich habe auch ein Recht, meine Meinung zu ändern und meine Einwilligung einfach zurückzuziehen. Und da gibt es keine rechtlichen Konsequenzen für mich. Die Daten werden da gelöscht und dürfen für zukünftige Forschung nicht benutzt werden. Selbstverständlich für Studien, wo diese Daten schon genutzt werden, da können wir diese Studie nicht löschen oder die Daten von da entfernen, die wurden schon verwendet. Aber in Zukunft werden sie nicht mehr verwendet.

00:31:58: Annika Henner Manche Leute haben ja Angst, dass irgendwie negative Konsequenzen auftreten können, wenn sie ihre Daten mit der Forschung teilen. Was würdest du diesen Menschen sagen?

00:32:10: Dr. Vanessa González Ribao Ich würde sagen: „Greifen Sie zum Gesetz!“ Ja, die sind gesetzlich geschützt. Also ich habe schon erwähnt die Datenschutz-Grundverordnung und diesen ganzen technischen und organisatorischen Maßnahmen, die man implementieren muss, die man nutzt, um diese Daten zu schützen. Also es ist nicht so einfach, zu diese Daten zuzugreifen und die misszubrauchen. Da gibt es auch, ich habe vorhin leicht erwähnt, das Gendiagnostikgesetz. Da gibt es auch Schutz, besonderen Schutz für die genetischen Daten. Zum Beispiel, diese Daten dürfen nicht zu Krankenkasse, Versicherung oder Arbeitgeber gegeben werden. Also die bleiben privat, falls man derartige Bedenken hat. Die genetischen Daten gehören nicht nur mir, die sind streng… also die sind eng verbunden mit meinen Verwandten, meiner Familie. Gibt es Leute, die da Bedenken haben, auch das Gendiagnostikgesetz greift in diesem Bereich. Und gerade wenn man an Familie denkt, kommen mir die Vorteile, um die Daten zu teilen, in den Kopf. Weil vielleicht die Forschung ist nicht so schnell, dass sie mir helfen kann, aber meinen Kindern und meinen Verwandten und anderen Leuten, die vielleicht so eine ähnliche Kondition wie ich haben. Und das sind so Gedanken, über die man gehen sollte, oder ja, das überdenken sollte.

00:33:46: Annika Henner Gerade bei seltenen Erkrankungen und Krebserkrankungen sind Gesundheitsdaten ein entscheidender Baustein für die Forschung: Weil Betroffene über viele Kliniken und Länder hinweg verteilt sind, lassen sich wichtige Zusammenhänge oft erst erkennen, wenn Daten von verschiedenen Personen in gemeinsamen Datensätzen ausgewertet werden. Eine internationale Befragung der europäischen Patientenorganisation EURORDIS zeigt, dass Menschen mit seltenen Erkrankungen in einem besonders hohen Maße dazu bereit sind, ihre Daten zu teilen – sogar deutlich stärker noch als die Allgemeinbevölkerung. Die entsprechende Studie habe ich in den Shownotes verlinkt. Tatsächlich profitieren Betroffene nicht nur davon, dass andere Menschen mit derselben Erkrankung ihre Daten teilen. Auch Daten von Menschen ohne bekannte seltene Erkrankungen sind für die Forschung wichtig. Denn Forschung braucht nicht nur möglichst viele Daten von Betroffenen, sondern auch Vergleichsdaten von Menschen ohne bekannte seltene Erkrankungen. Erst dieser Vergleich macht viele genetische Analysen überhaupt möglich. Von solchen Datensammlungen profitieren deshalb letztlich Menschen mit seltenen Erkrankungen und Krebserkrankungen auf der ganzen Welt. Dann werfen wir zum Abschluss noch einen Blick in die Zukunft. Welche Rolle können denn neue Technologien für den Datenschutz in der Genomforschung in Zukunft spielen?

00:35:14: Dr. Vanessa González Ribao Ja, gerade die ganzen Technologien, und jetzt so fortgeschritten, wie die Technologien sind, können viel zum Datenschutz und für die Forschung beitragen. Es gibt neue Entwicklungen, z.B. es gibt neue Systeme, wie man die Daten verschlüsseln kann. Und gerade so ein Schwachpunkt von der Verschlüsselung ist es, damit man mit den Daten arbeiten kann oder untersuchen kann, sollen sie wieder dekodiert, also entverschlüsselt. Aber es gibt neue Systeme, die erlauben, mit den Daten so verschlüsselt zu arbeiten, z.B. da bleiben sie auch während der Forschung, während der Untersuchungen gesichert. Es gibt auch unterschiedliche Kunstmodelle aus der künstlichen Intelligenz, die auch erlauben, die Daten da, wo sie sind, ohne sie zu bewegen, zu untersuchen. Und diese Systeme, die werden so Schwarm-Lernen genannt, weil sie so, wie so ein Bienenschwarm arbeiten, die gehen da, wo die Daten sind… lernen davon, holen sich die Informationen, die sie brauchen, so wie von Blume zu Blume. Und dann kann man mit diesen Daten arbeiten, ohne dass die Daten den sicheren Ort verlassen haben. Da gibt es auch von der künstlichen Intelligenz die sogenannten „synthetische Daten“. Das ist, dass diese künstlichen Intelligenzmodelle quasi von echten Daten lernen, aber die echten Daten nicht nutzen, sondern diese echten Daten nachmachen. Und da kann man mit diesem Nachmachen der Daten, also diese ähnlichen Daten, aber nicht realen Daten, arbeiten. Der Vorteil davon ist es, diese Daten gehören zu keiner echten Person, also da wird quasi die Privatsphäre und die Identität von einer echten Person nicht gefährdet.

00:37:18: Annika Henner Mit welchen Entwicklungen rechnest du denn zukünftig im Hinblick auf A die rechtlichen Bestimmungen in Deutschland und B die Wahrnehmung von Datenschutz in der Bevölkerung?

00:37:29: Dr. Vanessa González Ribao Ich bin eine positive Person, also rechne ich mit positiven Entwicklungen. Vielleicht am Anfang, als der Datenschutz angefangen ist, das ist nicht so lange her, das ist so ungefähr zehn Jahre her, kam dieses neue Datenschutzverordnungsgesetz und neue Gesetze. Alle diese Gesetze waren nicht gut miteinander verbindet. Und manchmal war ein bisschen chaotisch und herrschte so ein bisschen Ungewissheit, wie man mit diesen neuen Gesetzen vorgeht. Aber ich denke mittlerweile, jetzt in den letzten Jahren hatten wir genug Zeit, um zu verbessern und davon zu lernen. Und die neuen Gesetze sind alle viel besser miteinander harmonisiert und arbeiten darauf hin, dass man die Daten schützen kann, aber trotzdem nutzen. Und deswegen hoffe ich, dass die Wahrnehmung von Datenschutz in der Bevölkerung auch sich verbessert und das nicht als etwas, das unsere Prozesse langsamer machen oder mich gerade stört, weil ich will jetzt meinen Arzttermin haben und kein Formular lesen und unterschreiben, sondern dass man versteht, ja, den Vorteil von dem Datenschutz, vor allem wenn man in der Zukunft denkt. Und gerade hier, denke ich, was meine Rolle, was ich mache, so Fortbildungen und Schulungen, das A und O sind und weiter… also die Zukunft von dem Datenschutz und auch die Wahrnehmung, wie Datenschutz wahrgenommen wird. Also ja, die Mitarbeitenden da zu schulen und helfen zu verstehen, wie das Gesetz gemacht wird, warum und wie die gut und sicher umgesetzt werden soll.

00:39:21: Annika Henner Ganz herzlichen Dank für das spannende Gespräch, Vanessa.

00:39:25: Dr. Vanessa González Ribao Ich danke dir.

00:39:29: Annika Henner Das war „Der Code des Lebens“, produziert von GHGA, dem Deutschen Humangenom-Phänomarchiv. Bis zum nächsten Mal!

Über diesen Podcast

Der Code des Lebens – der Wissenschaftspodcast von GHGA beschäftigt sich mit verschiedenen Aspekten der menschliche Genomforschung. Obwohl wir 99% unseres Erbgutes (=unserer Gene) miteinander teilen, machen die kleinen Unterschiede uns zu dem was wir sind. Doch wie ist unser Erbgut eigentlich entstanden? Wie funktioniert Genomforschung und wie beeinflussen unsere Gene unser tägliches Leben? Diesen Fragen und mehr geht “Der Code des Lebens” auf den Grund. Zuhörende benötigen kein spezielles Vorwissen um in die faszinierende Welt der Gene einzutauchen.

Dieser Podcast wird präsentiert von GHGA – dem deutschen Humangenom-Phenom Archiv. Wir entwickeln eine Infrastruktur, in welcher humane Genomdaten sicher gespeichert und kontrolliert für die biomedizinische Forschung zugänglich gemacht werden können. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert und ist Teil der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI).

Podcastlizenz: CC-BY

von und mit GHGA

Abonnieren

Follow us